(40.52222°, 72.80302°)(40.65975°, 72.25366°)

Schorsch:

Los geht’s wiedermal mit Radeln. Und wenn’s jetzt irgendwo nach Benzin oder Diesel riecht, kann ich mir sicher sein, dass ich nix damit zu tun hab. Und wenn jetzt was am Radl kaputt gehen sollte, entsteht keine unlösbare Situation.

Wir verlassen das sagenhafte Kirgistan. Mag die schöne und beeindruckende Landschaft nochmal betonen. Gleich schon kurz nach Osch ist die Grenze nach Usbekistan. Gedrängel am Einreiseschalter. Ältere, tonnenförmige Damen drängeln sich schamlos vor. Unsere Ausweise werden sehr lange und mehrmals intensiv durchgeblättert. Irgendwas stößt auf. Die Menge hinter uns murrt schon. Aber die Gepäckkontrolle war lässig. Alle müssen ihren Kram durchs Röntgen-Gerät schieben, nur wir nicht. Werden höflich vorbeigewunken. Freundliche Grenzer. 

Nach dem staubigen und bergigen Kirgisistan wirkte das Fergana-Tal auf uns wie eine andere Welt: flach, grün und voller Leben. Zwischen Feldern, Obstgärten und kleinen Bewässerungskanälen geht’s jetzt erstmal auf meist asphaltierten Straßen, schon aber holprig, dahin. Die Autos fahren meist geruchlos mit Gas. Auch oft ältere LKWs die anderswo ziemlich die Luft verpesten. 

Ähnlich wie in der Rheinland-Pfalz sind die Höfe zur Straße mit einer hohen Mauer und großem Hoftor abgegrenzt. Kann ich garnicht neugierig über den Zaun blicken. Dafür ist’s auf den Straßen und in den Gschäftal lebhaft. Und sehr nett! Jeder mag uns begrüßen. Entweder mit Hallo oder aber oft traditionell mit „Salem Alaikum“ (Friede sei mit euch) die rechte Hand geht dabei ans Herz. Gefällt mir, mag ich auch sagen, wenn’s mir auf die Schnelle dann einfällt. 

Mit fix über Booking com ein Hotel der Wahl ausfindig machen ist hier um. Nur in wirklich größeren Städten gibt’s da was. Oft findet nicht mal Google Maps eine Bleibe. Nur die KI saugt irgendwo her immer wieder mal was. Entlang den Orten mit Unterkünften muss die Route geplant werden, um alle 60 bis 90 km ein Bettchen zu haben. Auch mit Geld wechseln oder Abheben tun wir uns schwer. ATM geht nicht und Sonntag ist, also sind Banken zu. Doofes Gefühl so ganz ohne Flins. Das Erste und einzige Hotel im Ort ist gleich schon mal seltsam. Keiner da und die Zimmer stehen offen und sind bezugsfertig. Erst im nahegelegen Restaurant lässt sich wer aktivieren. Beides mit VISA Karte bezahlbar. Muss ich schon nicht hungern und die  Nacht im engen Zelt schwitzen. 

Petra:

Die Grenze nach Usbekistan liegt gleich hinter Osch. Aus unbekannten Gründen nehmen uns die usbekischen Grenzer extrem genau unter die Lupe. Eine halbe Stunde werden die Pässe geprüft. Ich habe da einen Verdacht. Die Goldprägung unserer Reisepässe hatte sich, nachdem wir sie in München bekommen hatten, innerhalb kurzer Zeit abgelöst. Ich als Grafikerin sage hier: eindeutiger Pfusch und ein Herstellungsfehler. Hier wurde am falschen Fleck gespart. Natürlich denkt im Ausland keiner, dass so ein Mist von den deutschen Behörden kommt und vermuten eine Fälschung.

Jedenfalls bin ich verblüfft, wie anders Vieles hinter der Grenze ist. Die usbekischen Frauen lieben golddurchwirkte Stoffe. Kopftuch und Gewand glitzern, wie bei uns manch Weihnachtsrobe. Bei den Jüngeren steht Samt oder Nikistoff hoch im Kurs. Gerne auch in kräftigem Rot und Grün mit goldbestickten Ornamenten. 

Die Gehsteige der Dorfstraßen (typische Straßendörfer) sind vielfach weinberankte Laubengänge und hängen voller Trauben. Obstbäume, Gemüse, Mais, Baumwolle, Blumen – alles wächst hier. Am Rand trocknen Rosenblätter, vermutlich Tee und Kräuter angehäuft vor den großen Toren der langen Gehöfte. Manchmal erhascht man einen kurzen Blick durch eine geöffnete Torseite und sieht innen Nutzgärten.

Die Halterungen der Vordächer sind aus gebogenem Eisen, wie beim französischen Art Deco. An den Dachkanten verlaufen gemusterte Blechleisten, die einen schönes Fries als Schatten auf die Wände werfen. Nostalgisch, manches erinnert etwas an die Pfalz, wie es dort vor 100 Jahren auf dem Land gewesen sein mag. Aber Aluminiumtore in Anthrazit verdrängen fast schon den spröden Russenschick. Jedenfalls ist klar, hier leben keine Nomaden mehr, sondern sesshafte Bauernfamilien, die Äcker bestellen.

Das Fargonabecken ist flach. Für uns von Vorteil, weil wir wieder auf kleinen Straßen und Feldwegen radeln können. Vergeblich suchen wir allerdings nach einem internationalem ATM. An Bargeld ist erst Mal nicht zu kommen. Unterkunft und Schaschlikwirtshaus nehmen zum Glück Visacard.

Etwas schräg auch die Deko in unserem heutigen Hotel. Was ist das? Neo-Louis-XIV?

Landschaftlich wenig spektakulär geht es auch die nächsten Tage weiter. Ein Kanal bietet da schon willkommene Abwechslung. An weite Radlstrecken müssen wir uns erst mal wieder gewöhnen.