Schorschi:

Wir verlassen die Schwarzmeerküste, ohne einziges mal Baden gewesen zu sein. – siehe Regenmacherin. Aber eigentlich: Blitzte mal die Sonne durch, sind schon Bikini und Badenhosen Trägerinnen und Träger auf den Kieselstränden zu sehen. Badende sind aber bei dem Wellengang oft nicht zu sehen. Heute grinsen uns Wettergöttinnen von den immer höher werdenden Bergen rechts und links zu. Das Wetter ist optimal. Sonnig, nicht zu heiß und etwas Rückenwind. Zunächst geht’s schöne kleine Straßen über Felder und kleine Dörfer. Kühe und Schweine stehen oft im Weg und die Schweine grunzen fröhlich und grinsen als wir passierten. Ob das immer so ist oder nur als wir in der Nähe waren, weiß ich nicht. Ist auch egal. Ich glaub’ aber, die sind meist fröhlich. Die Hunde dösen am Straßenrand und die maximale Bewegung ist ein kurzes Aufblicken zu uns. Ab und zu verfolgen uns Kinder mit ihren Rädern. Aber die Menschen, denen wir an Straßenrand und in den Shops begegnen, sind uns gegenüber eher reserviert. Erinnert mich ein wenig an das damalige Jugoslawien. 

Die hübsche Straße mündet in eine große und stark mit auch fetten LKWs befahrene Ätzstraße.  Spaßlos kauern wir und weitest möglich am rechten Straßenrand entlang. Die Schwimmnudel als Abstandhalter ausgefahren und meine Müllfahrer Warnweste umgeschlungen. Die GPS Karte am Navi zeigt schon immer mal wieder kleinere Wege und Abzweige an, die sind aber unbefahrbar oder nicht als Weg/Straße zu erkennen. Doch dann! Petras wachsames Auge entdeckt, dass auf der sich momentan im Bau befindlichen chinesischen Seidenstraßen-Autobahn das Befahren eventuell schon möglich sei. Ist es auch! Vorbeigehuscht an der abgesperrten Autobahnauffahrt, Chinesisch beschriftete Flaggen weisen den Weg, geht’s auf dem zunächst noch ungeteerten, aber blattgewalzten zukünftigen Superhighway entlang. Bald schon lässt uns neuer Teerbelag mit Rückenwind dahinflitzen. Nur vor Kühen und deren Hinterlassenschaften müssen wir auf der Hut sein. Und so verboten kann’s garnicht sein, was wir so treiben. Bauarbeiter, teils auch asiatischer Herkunft, winken uns zu. 

Oh wie schade! Nach etlichen Kilometern hat der Spaß ein Ende. Die Autobahn ist für den Verkehr freigegeben und nix mehr für uns. Also zurück auf die Landstraße. Aber nicht so schlimm. Alle außer uns sind jetzt auf der Autobahn. Und später zeigt das Navi wieder, dass ein weiteres Teilstück der Chinabahn noch im Bau ist. Ich bin skeptisch. Die Karte zeigt, dass zwei breitere Flüsse überspannt werden müssen. Das ist sicher auch der Grund, dass die Bahn noch offen ist? Dennoch geht’s erstmal fröhlich wieder flitzig entlang. Hübscher Blick, weil die Bahn etwas erhöht Auenlandschaft  und Felder schneidet. Die Berge rechts von uns (Nordseite) sind an den Gipfeln noch schneebedeckt. Wir sind aber immer noch knapp über Meeresniveau. Auf der Gegenfahrbahn lagern mehrere Kilometer lang sehr zahlreiche Betonfertigteile für die Brücke. Und dann, eine ernst zu nehmende Absperrung, die wir nur unterwinden können, indem die Räder unten durch geschleift werden. Mutig machen wir’s. Vorsichtig vorwärts. Die Bahn könnte ja abrupt enden. Ein Bauarbeiter-Kappo zeigt uns aber an, dass die Brücke auf einer Fahrbahn passierbar ist. Gut so. Erst kurz vor Samtredia endet das Teilstück. Der Ort ist nix weiter als zweckmäßig. Schäbiges Zimmer und mürrische Herbergsmutter. Petra wird sich in der Nacht einen Flohstich oder sonstwas übles zuziehen, das einen schlimmen großen roten Juckfleck verursacht. Und phasenweise wohl recht schmerzt. 

 

Petra:

Wunderbares Radlwetter heute. Und dies bleibt nicht die einzige positive Überraschung. Zunächst geht es noch auf der georgischen Weinstraße nach Nordosten. Als diese auf eine größere Landstraße biegt, mit mehr Schwerverkehr und Verkehr überhaupt, checken wir aus, ob wir über die noch im Bau befindliche Autobahn fahren können. Bunte Fähnchen und Banner mit chinesischen Schriftzeichen signalisieren, dass hier die neue Seidenstraße gebaut wird. Und was soll ich sagen, die Autobahn ist der perfekte Radweg für uns. Noch ist zwar unklar, ob auch schon die Brücken fertig gestellt sind, aber es ist alles bestens. Die Bauarbeiter winken uns zu, bzw. winken uns auf unsere Nachfrage durch, ob wir hier mit dem Fahrrad durchkommen. Schranken und Barrikaden überwinden wir.

Wie auf einem Laufsteg fahren wir erhöht durch die Landschaft und haben den perfekten Panoramablick. Eins ist klar, Georgien ist so wunderschön, weil hier alles grünt und sprießt. Genügend Regen hat es ja. Außer uns freuen sich auch die Kühe über die neue Fahrbahn, die ihnen wie im Hammam (frisch geteert und schwarz) als Wärmeliege dient.

Bei den Passagen, an denen die Autobahn schon für den Verkehr freigegeben ist, wechseln wir auf die kleine Landstraße. Auf dieser ist dann recht wenig Verkehr, weil ja alle auf der Autobahn fahren. 

Hier kommen wir durch Dörfer und die Straße säumen kleine quadratische Häuser, die sich in allen erdenklichen Stadien der Bau- oder Zerfallphase befinden. Es hat den Eindruck, dass erst mal mit dem Bauen begonnen wird und dann über die Jahre nachgebessert und weiter optimiert wird. Und bestimmt müssen die Menschen hier sehr mit den Kosten kämpfen. Die meisten Häuser sind nicht verputzt oder gestrichen, eher wird Wellblech verwendet und die älteren haben Holzveranden und -balkone. Alle sind hübsch ins Grün eingebettet und haben meist üppige Nutzgärten. An der Straße laufen Kühe, Schweine, vereinzelt Hunde, die Hühner rennen in den Gärten. Die Zäune sind schief, die älteren sind aus verwittertem dekorativem Schmiedeeisen. So runtergekommen das mitunter aussieht, irgendwie ist das alles liebenswert. Natürlich haben wir gut reden, wir müssen uns ja nicht mit den Unzulänglichkeiten abmühen.