Der heutige Radltag lässt die gestrigen Miseren vergessen. Auf manchen Teilstrecken fahren wir entlang der Berge, mit kleinen Dörfern, was uns an Alpenradltouren bei uns erinnert. Minuten später rollt man um eine Kurve und der Pazifik liegt vor einem. Felsenküste, Strände, Surfer oder ein kleiner Bootshafen. 

Mittags schleife ich Schorsch in ein kleines Lokal, dessen Spezialität eine Art Schichthaufen mit Nudeln, Kraut, Ei und Schweinefleisch ist. Die Zutat Tintenfisch wird abgewählt, aber ein gewisser Fischgeschmack ist zum Leidwesen noch enthalten.

Abends: Obwohl wir in einem edlen (andere Gäste befinden sich jeweils in eigenen Räumen hinter Schiebetüren) und wohl sehr traditionellem Restaurant mit, vor unseren Augen frisch hergerichtetem Hot Pot Gericht Plätze finden, wird der Abend problematisch. Schorsch erwartet von mir, dass ich bei der Bestellung genau klären kann, was er bekommt, wie er es essen soll, welche Alternativen an Beilagen und Zutaten zu haben sind und insgeheim wohl auch, ob er davon satt wird. Ich verlasse mich eher darauf, dass ich für Schorsch unverfängliche Dinge bestelle und alles andere sich irgendwie ergeben wird. Wir bekommen sogar eine englische Speisekarte mit Hinweisen, wann was in die Brühe geworfen wird. 

Wie auch immer, die Erwartungen klaffen hier deutlich auseinander. Mal sehen, wie wir das zukünftig besser zusammen hinkriegen.

Schorsch:

Der empfohlene Radweg führt die nächsten Tage hauptsächlich der Küste entlang. Aber schade! Bei Weitem nicht so perfekt für Radler, wie noch in Südkorea. Wahrscheinlich sind die empfohlenen Radrouten auch irgendwo als tolle Routen für Autofahrer aufgeführt. Es gibt teilweise schon einen Radweg, aber oft eng mit wuchernden Pflanzen. Garnicht mal so hübsch und entspannend für mich als Spinnen-Phobist. Überall zwischen Zweigen, Masten, Stromleitungen, Zäunen und so, haben die doch ganz schönen Kaliber das riesige Netz gespannt und hocken da geduldig wartend. Aber so mit den Tagen gewöhne ich mich daran. Schließlich hocken sie im Netz und jägern nicht umher. Das wäre schlimmer. Und aber doch, so manche Übereifrige haben ein paar Fäden über den Radweg gespannt. Das ist dann Nix für mich.

Oft verlassen wir den schlecht gepflegten und holperigen Radweg und treten auf der Straße dahin. Der Verkehr ist nicht allzu stark. Große LKWs gibt’s selten. Und überhaupt! Nirgendwo habe ich so defensive Autofahrer erlebt. Es wird sorgfältig auf uns geachtet. Mann/Frau lässt uns im Autositz verbeugend Vorrang. Auch das zahlreiche Verkehrssicherungspersonal begrüßt uns mit Verbeugung. Jeder ist hier extrem höflich und zurückhaltend. Keiner hupt. Keiner trumpft auf und möchte cool sein. Größere und laute PS Monster gibt’s nicht, braucht keiner. Aber auch keiner zeigt viel Emotionen. Geht aus sich heraus. Wenig sind bunt angezogen oder irgendwie auffällig. Alles wird gleichgültig ertragen, so scheint’s.

Japan wirkt wie das friedlichste Land der Welt – sicher, höflich, geordnet. Dennoch hat das Land eine der höchsten Selbstmordraten der Industrienationen (steht da wo im Reiseführer).

Find ich seltsam und hab mal nachgeguckt.

In Japan zählt Pflicht mehr als Gefühl.

Wer versagt, empfindet Scham – nicht Schuld.

Viele tragen ihre Sorgen still, um niemanden zu belasten.

Offene Gespräche über seelische Probleme sind selten, Hilfe zu suchen gilt als Schwäche.

Dazu kommt enormer Leistungsdruck: Schule, Arbeit, gesellschaftliche Erwartungen.

Schon junge Menschen lernen, dass man funktionieren muss.

Wer das nicht schafft, zieht sich zurück – manchmal für immer.

Die stauen den täglichen Frust und die Mühsal also in sich auf, ohne Möglichkeit Dampf abzulassen.

Hubt mich also gerne an, wenn es euch gut tut. Und tatsächlich! Wenig später hupt mich dann doch einer an, ein Busfahrer. Er will mir die Vorfahrt geben und winkt mir freundlich zu. Ich soll fahren. Und verbeugt sich. Vielleicht auch ein guter, sehr guter Weg, so mit Emotionen umzugehen. Bin mir sicher, dass gute Taten inneren Frust abknabbern.