Von Keelung zur Hauptstadt geht’s innerhalb einiger Stunden auf bequemen Radlweg einen Flusslauf entlang. Nach dem dritten Tag in Taipeh lässt sich nun sagen, eine reizvolle Stadt ist es nicht. Im zweiten Weltkrieg wurde sie fast vollständig zerstört, da Taiwan damals unter japanischer Herrschaft stand. Nach dem Krieg fiel Taiwan an China zurück, aber eben an das China der Kuomitang, die 1949 selbst aus China nach Taiwan flohen und mit ihnen zwei Millionen Flüchtlinge. Die Stadt formte sich also eher aus Baracken. General Chiang Kai-shek installierte eine repressive Diktatur, die bis 1989 dauerte, bevor sich das Land demokratisch entwickelte. Zu dieser leidvollen Zeit gehörten eine Hyperinflation und Zigtausende, die wahllos massakriert wurden. In den 60er Jahren wurde Taipeh zusätzlich von schwerem Hochwasser getroffen. Alles keine guten Vorraussetzungen und es erklärt das heruntergekommene Stadtbild (ich ging aufgrund führender HiTech Unternehmen fälschlicherweise von strahlendem Wohlstand aus). Mag auch das feuchte, teils tropische Klima seinen Anteil daran haben. Algen und Schimmel überziehen die Fassaden mit dunkelggrauer Patina. Ausnahmen sind der Skyscraper 101, der längere Zeit das höchste Gebäude der Welt war und der Komplex mit der Chiang Kai-Shek Gedächtnishalle mit riesigem Platz, Theater und Konzerthalle. Quasi als besseres Spiegelbild gedacht, zum Platz des Himmlischen Friedens in Peking und Shanghais Skyscrapers.
Die historischen Zusammenhänge erfahren wir während einer Stadtführung, die in einem daoistischem Tempel beginnt. Der heutige Tag – Sonnwend – ist ein besonderer Tag, an dem Wünsche in Erfüllung gehen können (insbesondere Kinderwünsche und Lernerfolge), wenn man Geschenke bringt und dafür betet. Außerdem bekommt man nach dem Werfen zweier Holzsicheln eine sofortige Antwort auf eine gestellte Frage. Die Lage der Sicheln bedeutet – je nachdem – Ja oder Nein. Deshalb der Andrang an Menschen und die Berge an Blumen.
Die Menschen in Taiwan sind sehr offen, freundlich, zugewandt, auf dem Radweg grüßt fast jeder. Und die Taiwanesen sprechen öfters etwas Englisch als noch auf dem Festland in China. So kommt es abends auch dazu, dass Schorsch mit den stylish aufgemachten Weihnachtsdamen ins Plaudern und zum Selfieposen kommt. Supergut die Mädels!
Schorsch:
Taiwan, die einen Sagen, Teil von China, die Anderen sagen eigenständiges Land. Auf alle Fälle birgt das genügend Stoff für internationale Konflikte. Mitbekommen tu ich nix. Kulturell aber schon. Sind es in China die Elektroroller die ständig hupend um uns rum zischen, sind es hier, in großer Anzahl die Roller mit Verbrennermotor. Es hupt aber Keiner, dafür knatterts. Die hiesigen Lenker gefährden aber nicht, sondern sind rücksichtsvoll. Alle, wirklich alle halten brav bei Gelb an, nicht erst bei Rot. Auch die Autos. Übrigens, keine E-Autos, sondern auch gerne mal schon recht verbeulte ältere Kisten. Selten sieht man was Modernes. Insgesamt, so mein Eindruck zumindest, im nördlichen Teil von Taiwan, ist alles, Häuser und Straßen und so, etwas heruntergekommen. Hätte ich nicht gedacht, hätte mir ein Hightechland vorgestellt mit Allem in E-Vortrieb, Lufttaxis und Magnetschwebebahn und so. Phänomenal architektonisch gestaltete Häuser. Garnicht ist’s so.
Wir treten zunächst die 60 km nach Taipeh. Es geht einen Fluss entlang. Der Radweg ist schon mal ganz hübsch ausgebaut und es lässt sich friedlich treten.
Ich lese wo, dass die Menschen hier chinesisch sprechende Japaner sind. Das stelle ich anders fest. Im Gegensatz zu Japanern kommt man hier wieder gut in Kontakt zueinander. Die Japaner waren da eher schüchtern. Hier grüßt man uns oft, streckt den Daumen hoch und so Mancheine/r frägt uns ganz interessiert wo wir herkommen und wo wir hinwollen, wie lange wir Taiwan besuchen. Und auch schnell mal entsteht, natürlich!, ein gemeinsames Selfie. Ein paar Mädels tragen bei sommerlichen Temperaturen einen Christbaum als Kopfschmuck. Was mir allerdings erst beim zweiten Blick auffällt. Und auch sonst so sind die Menschen hier ausgelassen fröhlich unterwegs. Wobei, der Selfiekult scheint hier bei den Girlys nicht ganz so intensiv ausgeprägt, wie in den letzten Ländern. Was hier aber schon stimmt, die Verkehrsteilnehmer sind so rücksichtsvoll wie in Japan, alle halten sich brav an die Verkehrsregeln. Nur die Radfahrer haben hier auch ein wenig Narrenfreiheit, so scheint’s.
Taipeh ist wieder eng. Das Hotelzimmer relativ kostspielig und klein, dafür ist das Frühstück und der Frühstücksraum schäbig und hat Zeltlagercharakter aus den 1980ern. Eine Stadtführung ist ganz nett. Mit dem Radl durch die Innenstadt von Taipeh radeln auch.











































