Petra: Nach drei Motorradtagen sind wir wieder zurück in Tainan. Die Tour war absolut super und wir hätten die besten Teile der Insel wohl nicht ohne unsere Leih-Motorräder (irgendwelche kleinen Yamahas 150 ccm) gesehen. Anfänglich ist der hiesige Verkehr, beziehungsweise die Verkehrsführung sehr gewöhnungsbedürftig. Als Zweiradfahrer fährt man sozusagen auf dem extra Fahrradseitenstreifen. Dabei überholt man die Autos auch immer rechts und fährt an Kreuzungen ebenfalls immer rechts vor, zu einem eingezeichnetem Feld vor den Autos. Zum Links abbiegen gibt es ebenfalls ein Feld, das aber rechts vor dem Zweiradfeld der rechts kommenden Straße liegt. Dort wartet man also, bis der Querverkehr grün bekommt. Abgesehen davon überholen einen die Scooter nach Lust und Laune links und rechts, und das ziemlich knapp und dabei sind sie in Heerscharen unterwegs. Taiwan soll wohl auch das Land mit dem höchsten Motorrad-/Scooteraufkommen pro Kopf weltweit zu sein, gefolgt von Vietnam.

Am ersten Tag querten wir die Insel von Tainan nach Chihshang. Wir schraubten uns bei blauem Himmel auf 2800 m hoch. Zunächst waren die Berge auf der Westseite noch unspektakulär, aber ab 2500 m sind die Bergflanken voller urwüchsiger Baumriesen. Die kleine Landstraße war immer wieder wegen Baumaßnahmen verengt: Murenabgänge, ein komplett verschüttetes Hochtal aus dem nur noch Reste einer früheren Straße herausspitzten, zur Seite geneigte Straßenstücke mit aufgerissenem Asphalt. Entweder verursacht vom letzten Taifun, dem letzten Erdbeben oder letztjährigen Taifunen. An höchster Stelle kommt ein Tunnel – und danach ist es gefühlt 10 Grad kälter, also nah am Gefrierpunkt. Nebel so dicht, dass kaum mehr die Strasse zu sehen ist. Die Hinweisschilder mit Steinschlag nimmt man hier ernster und ist bei jeder Kurve auf Überraschungen gefasst. Und tatsächlich staut es sich bei einer Komplettsperrung. Ein Bagger schiebt Erde eines frischen Erdrutsches beiseite. Nach einer halben Stunde rotten sich alle Motorrad- und Scooterfahrer zusammen und dürfen als erstes über die Holperstrecke. Erst in der Dunkelheit und ziemlich durchgefroren erreichen wir unsere Unterkunft im Tal.

Schorsch Tag 1: Drei Tage wollen wir mit Motorrädern die Berglandschaft und den südlichsten Teil von Taiwan erkunden. Ich lese ja selten die AGB‘s von was. Aber das hier ist alles komplett auf Chinesisch, was ich da unterschreibe. Nur hier in Ostasien habe ich ein gewisses Grundvertrauen in die Menschen. Hier zockt mich niemand ab. Los geht’s mit zwei 150ccm Yamaha MT-15 – Naked-Bike im Streetfighter-Look. Mit satten 19 PS. Sogar Helme bekommen wir. Viel zu groß, müssen ordentlich mit Mützen unterfüttert und das Visier mit eingeklemmter Tempotaschentuschpackung gesichert werden, sonst klappt’s ständig nach unten. Ab 70 Km/h zieht‘s den fast losen, schlecht sitzenden Helm nach hinten weg. Wenn Petra den Kopf zur Seite dreht bleibt der Helm gerade, weil er auf den Schultern aufsitzt. So geht’s hochtourig und häufig schaltend durch das Gebirge auf die andre Seite von Taiwan. Immerhin schlängelt sich die Passstraße von Meereshöhe auf knapp 3000 Meter hoch. Scheint auch eine beliebte Motorradroute zu sein. Plötzlich sieht man auch mal richtige Motorräder. BMW GSe sind auch dabei. Die Landschaft ist sogar hoch bis in 3000 Meter Höhe noch suptropisch super und die Sonne strahlt, so wie ich auch. Taiwan hat 268 3000er! Der höchste davon ist Yushan mit 3952 m. Da bleibt schon mal ein schwächliches Wölkchen hängen und schafft’s nicht drüber. Und bestimmt wäre die Landschaft auf der anderen Passseite noch viel besser, weil’s dort feuchter ist, wäre da nicht dichter und kalter Nebel. Gleich nach dem Passtunnel hat der Spaß ein Ende und es ist Nix mehr zu sehen.  Flitzig im Motorradpulk zischen wir abwärts. Kalt und neblig bleibt’s bis fast ins Tal runter. Typische Wetterlage zu dieser Jahreszeit. Die Wolken bleiben an den Nordosthängen des Bergmassivs, das sich entlang der gesamten Insel zieht, hängen. Und dunkel ist’s auch schon, bis wir ans Guesthaus kommen. Vorher noch flott ne Pizza reinschlingen.

Petra: Tag zwei beginnt mit traumhaftem Wetter. Eine niedrigere Gebirgskette trennt uns noch vom Pazifik. Inzwischen ist die Vegetation hier üppig grün, fast schon dschungelartig. Schorschs GPS-Peilung findet eine klitzekleine Landstraße. Leider endet diese verbarrikadiert. Ein Zettel bittet um Entschuldigung, denn auf 30 m sei ein Straßenstück zerstört. Unsere Begutachtung ergibt, es sind Motorrad- oder Rollerspuren in der getrockneten Erde zu erkennen. Wir zwängen uns zwischen den Betonblöcken durch, aber nach einigen hundert Metern erwartet uns eine desaströse Zerstörung. Die Straße ist zerborsten, aufgebäumt und weggekippt. Schorsch fährt mutig über die Flächen, die sich ähnlich eines Hausdaches schräg türmen. Ich trau mich nicht. Vor fast 40 Jahren bin ich bei einer derartigen Schräge mit dem Motorrad weggekippt und einige Meter tiefer bäuchlings in einer Baugrube gelandet. Sämtliche Schutzengel hatten damals mitgeholfen, dass Nichts passierte. Also schiebt Schorsch mein Gefährt diesmal mit dem ersten Gang über die böse Passage, knapp davor selbst mit den Sohlen abzurutschen. Danach wird’s wieder paradiesisch schön, ein kleines Tal entlang auf etwas größerer Straße. Geknitterte und geraffte Bergrücken ziehen sich mit dschungelig grünem Pelz Richtung Küste. Darin fühlen sich auch die Affen wohl, wenngleich sich eine ganze Sippe bei einem Parkplatz trollt um Touristen zu besichtigen. Zum Glück haben wir nichts Essbares in unseren Packtaschen, sonst hätte ich einen der Kameraden nicht so leicht von meinem Motorrad bekommen. An der Küste entlang, mal langweilig wie eine Autobahn ausgebaut, dann wieder über kleine nette Kurvenstraßen, geht es in die südlichste Ecke Taiwans nach Henchung.

Schorsch Tag 2:

Entlang der Küste und wieder im Sonnenschein geht’s Richtung Südspitze. Die Küste links, die Berglandschaft rechts. Das ist schon schön und mit den Motorrädern fein. Mit den Radeln aber eher Nix für uns. Meist geht nur eine breite, teils verkehrsreiche Hauptstraße entlang. Der Fahrradweg Nummer 1 ist nur als blauer Strich zur Autostraße abgetrennt. Alternativen gäb’s selten welche. So aber haben wir Spaß an der hübschen Landschaft. 

Petra: Das tatsächliche Südkap besuchen wir tags darauf nach dem Frühstück. Kein spektakulärer Ort, aber zwischen den Mangroven flattern viele Schmetterlinge, teils Handtellergroß. Die Südwestküste ist Urlaubsregion. Hotels und Resorts in angenehmen Dimensionen, dazwischen Strände oder Surfspots, tropische Vegetation – sieht recht lässig und einladend aus. Aber es ist nicht viel los um diese Jahreszeit. Nordwärts, entlang der Westseite der Berge, ist es ländlich und wenig dicht besiedelt. Hier gibt es fruchtbares, abwechslungsreiches Agrarland für alle möglichen Südfrüchte. Die Obststände am Straßenrand bieten eine unglaubliche Vielfalt und Fülle. Auch ein Kakteengewächs mit der pinkfarbenen Drachenfrucht – Pitaya – wird hier angebaut. Damit sie passgenau vor Feiertagen geerntet werden kann, wird die Blüte mit Glühbirnenbeleuchtung in der Nacht gesteuert (sagt die KI). Erst in der Dunkelheit kommen wir nach Tainan zurück. Der Hintern schmerzt vom schmalen und recht hartem Sitz der kleinen Maschinen, aber das war’s Wert.

Schorsch Tag 3:

Eine Schleife zur Südspitze noch gezischt und auf kleinen Wegen zurück Richtung Norden nach Tainan. Kleine Wege auch deshalb, weil die Strecke mit der Garmin Software geplant wurde. Das Routing benutzt auch Fahrradwege. So huschen wir unauffällig auch auf einigem KM auf die für Fahrräder ausgebaute Bahnstrecke dahin. Stört aber Keinen. Fahrräder sind ohnehin keine unterwegs, obwohl die Strecke hier wieder ganz schön radelbar wäre. 

Man kommt mit den Motorrädern schon weiter rum als mit dem Fahrrad, aber auch unbeteiligter an der Gesamtsituation. Nach drei Tagen is auch wieder gut mit den Mopeds