Ich bekomme die Tage schon gar nicht mehr richtig zusammen. 

Gestern, Sonntag, fuhren wir am Vormittag zum hiesigen Museum, um dort nach meinem früheren Lehrer zu recherchieren. (1986 hatte ich an der Art Academy in Hangzhou 6 Wochen lang chinesische Tuschemalerei „studiert“, will heißen meine Freundin Mascha und ich bekamen aufgrund wirrer Umstände einen eigenen Privatdozenten und konnten uns in dieser traditionellen Technik üben). Die Mitarbeitende am Eingang zeigte zu einer Ausstellung, die sich hinter Schutzwänden gerade im Aufbau befand. Die laufende Ausstellung mit Holzschnittdrucken lag jedoch ein Stock höher (mit einer handvoll Besucher). Dort fragte ich abermals eine Mitarbeitende, die mangels Englischkenntnissen und der schwierigen Kommunikation per Übersetzung-App einige Minuten später mit einer Familie, (Großvater, Mutter und ein circa 12-jähriger Sohn) zurückkam, die besser Englisch sprachen. Die Familie stammte aus Singapur, ebenfalls Touristen. Tatsächlich kannte der Großvater den Namen meines Lehrers und konnte die chinesische Schreibweise wiedergeben. Daraufhin tippten Mutter und Sohn in ihre Handys und brachten recht schnell ein Gruppenfoto mit Bildbeschreibung von 1988 zutage, auf dem ich meinen Lehrer sofort erkannte. Beides wurde mit mir per WeChat geteilt. Wie genial war das denn! Es gab noch die Empfehlung, zur Eröffnung der Ausstellung im Erdgeschoss in vier Tagen zu kommen, da hierzu die Professoren der Kunstakademie eingeladen waren. Verblüfft realisierte ich kurz darauf bei einem Videoeinspieler im Foyer – dass dies eine Ausstellung mit Fotografien von Wim Wenders zusammen mit Bildern von Tobert Bosiso sei. Meine Begeisterung für Wenders Filme ließ mich einen vorsichtigen Blick zwischen die Kulissen werfen. Durch mein Interesse an den Bildern und „meine story“ kam ich mit der Assistentin des Museumsleiters ins Gespräch (in Folge mit dem Museumsdirektor, der Kuratorin der Ausstellung und der Assistentin von Herrn Wenders), was irgendwie ergab – ich outete mich als Fan von Herrn Wenders – dass Herr Wenders zu mir geführt wurde um mich ihm vorzustellen. Ich war echt perplex. Natürlich ergreifend, dem Großmeister des deutschen Films die Hand zu schütteln und sich kurz auszutauschen – zumal mich sein Film „The Tokyo Toilet“ gedanklich die letzten Wochen durch Japan begleitet hat – aber Himmel – Herr, der Mann war hier um seine Ausstellung zu hängen! Die Chinesen lieben Connections und sind mit Herz und Seele dabei, hilfreich Fäden zu spinnen, wenn immer sich das ergibt. Dieses Erfolgsrezept macht sie beim Gelingen überglücklich. So umarmte mich die Museumsassistentin im Anschluss begeistert vor Freude. Wie das befreiende und erlösende Ende nach der sich zuspitzenden Katharsis im Schauspiel. Abgang mit 1000 Dank meinerseits.

Weil wir zur Ausstellungseröffnung nicht mehr da sein würden, geht es heute zum Campus der Art Academy. Am Vortag, sonntags, war natürlich niemand da, außer ein paar abhängende Studenten. Unser Umherirren und die Verwicklung mit dem Aufsichtspersonal führt auch gleich die richtige Dame zu mir. Dozentin für Kalligraphie und Kollegin der Tochter meines Lehrers. Jene wird sogleich angerufen und für morgen 9 Uhr ein date vereinbart. Dabei kenne ich die Tochter schon. Vor 39 Jahren hatte ich sie als einjähriges Baby kennengelernt. Hey, das ist ja alles, wie aus einem Roman.

Nächster Tag, 9 Uhr. Ich erkenne Professor Min Xuelin auf den ersten Blick. Mit knapp 80 Jahren sieht er jung und sehr munter aus. Während meine Haare weißgrau geworden sind, sind seine noch schwarz und dunkel. Als Übersetzer hilft der sehr sympatische und aktuell für foreign affairs zuständige Dozent Shen Linfeng. 

Schorsch fragt meinen früheren Lehrer, ob er mich gleich erkannte. Die Antwort: bi zi bu hui bian… (mit Fingerzeig auf die Nase). Übersetzt: Die Nase verändert sich nicht. Wir haben sehr gelacht, aber es stimmt natürlich, die Nase bleibt trotz des Alterns immer gleich.

Wie früher ist Min Xuelin auch heute voller Geist und Humor und begeisterter Raucher. Jedenfalls haben wir alle viel gelacht. In China, aber auch in Asien ist er eine echte Größe (wenn ich es richtig verstanden habe – der chinesische Präsident hat ein Bild von ihm in seinem Haus hängen und die thailändische Prinzessin hat auch eines erworben). Sein Sujet sind Pflanzen, vor allem die Malerei von Bambus aber auch Lotus, Winterblume und Chrisantheme. Es geht darum den inneren Charakter der Pflanzen darzustellen. Min Xuelin abstrahiert deren Formen aber auch zu einem Geflecht moderner Ästhetik. Shen Linfeng sagt, er sei berühmt für seinen schnellen und kraftvollen Pinselstrich. „Das hänge wohl auch mit seiner Autofahrweise zusammen“ und lachend weiter, hinter vorgehaltener Hand meint er: „he drives r e a l y fast“. Vorzugsweise mit einem 320 S BMW.

Wir plaudern den ganzen Vormittag, beziehungsweise ich Frage, wie sich hier alles veränderte. Der Campus wurde 2004 neu gebaut, das Gebäude in dem wir als Studenten wohnten gibt es aber noch – natürlich erneuert. Große Teile Hangzhous wurden im Jahr 2000 modern und neu erbaut. Leider fiel der Veränderung auch ein altes historisches Teehaus zum Opfer, das ich früher sehr geliebt hatte. 

Ich wurde noch reichlich mit Büchern und einer Originalkalligraphie beschenkt, die ich samt vollem Skizzenbuch auch gleich per Post nach Deutschland verschickte.

Schorsch: Auch die Suche nach dem damaligen Professor gestaltet sich recht spannend und endet in einer glücklichen Begegnung. Im Nachhinein, nach tieferen Online-Recherchen, ist mir die Begegnung mit Professor Min dann doch etwas peinlich. Ich saß hier recht flapsig bei einer in China doch recht bekannten Persönlichkeit der Kunstszene. Aber wie soll ich darauf kommen, wenn der 80-Jährige mit jugendlich frechen Augen von seinen 230 km Rasereien mit seinem BMW schwärmt?

Und auch ganz hübsch! Jetzt habe ich ein Gesicht zu den zahlreichen Geschichten von Petras Erzählungen.