Schorsch: Hangzhou, die Stadt wo alle begann! Petra hat dort vor 39 Jahren ein Malkurs belegt. Seither hängt ihr Herz halb in Hangzhou fest. Viele nette Geschichten aus dieser Zeit weiß sie schon immer zu berichten. Und weil man sich im Alter, immer besser an die alten Geschichten von Früher erinnert, als an die Neuen, ist hier die Gelegenheit günstig und recht anregend, mir bisher unbekannte Storys mit leuchtenden Augen zu erzählen. 

Petra: Ich erkenne die Stadt kaum wieder. Selbst der See scheint verändert. Die Berge im Hintergrund haben wir früher nie gesehen. Die hohe Luftfeuchtigkeit im August bis in den Oktober verschluckte damals alles in Dunst und Nebel. Der Uferrand, früher offen zu überblicken, war jetzt mit riesigen Bäumen zugewachsen und bebaut. Kaum ein Haus von früher schien überlebt zu haben. 1987 waren München und Hangzhou in der Bevölkerungszahl in etwa vergleichbar: 1,2 und 1,4 Millionen. Die Stadt ist inzwischen um das 6-fache gewachsen. Man stelle sich dies einmal für München vor.

Doch ein Blick war mir noch in Erinnerung. Die gebogene Nanshan Lu Allee vor der Akademie. Die Bäume sind dicker und älter geworden, aber immer noch hat die Straße ihren eigenen Charme, auch wenn sich Busse, Autos und Radler hindurch drängen. Einige alte Steinhäuser gab es hier auch schon früher, wenngleich es damals mehr Mauern gab, die uns von näheren Blicken ausschlossen. Auf dem Gelände der Akademie gab es viele Gebäude gleichen Baustils. Das Altstadtviertel verblüfft mich, das hatten wir damals gar nicht entdeckt. Ohne Reiseführer, nur einem chinesischem Stadtplan und mangels Sprachkenntnissen, blieben wir dahingehend unwissend. Nach wie vor markant sind natürlich die halbrunden Brücken und Stege, beziehungsweise der Damm im See. Aber Restaurants, Warenhäuser, Läden überhaupt, waren früher eine Seltenheit. Die meisten Menschen trugen olivgrüne oder dunkelblaue Hosen und Jacken, Frauen auch mal eine in verwaschenem Hellblau. Dazu schwarze Stoffschuhe oder Turnschuhe in oliv, an warmen Tagen weinrote Plastiksandalen mit  transparentschwarzen Synthetiksöckchen, die schnell mal rochen. Wenn junge Frauen eine weiße Blusen trugen, war das ein Hingucker. Heute ist kein großer Unterschied zur Mode bei uns zuhause zu erkennen. Und auch die Autos sind hier Statussymbol – wie bei uns. Früher waren die Straßen zu 90% voller Radfahrer, 5% LKWs und 5% Autos.

Keine 40 Jahre ist das her!