Gerne wären wir mit den Rädern noch in eine Bergschlucht geradelt. Als Radfahrer dürfen wir diese aber nicht befahren, da überall Baustellen und zeitliche Teilsperrungen bestehen, die nur motorisiert zu überbrücken sind. Deshalb weichen wir auf eine kurze, dafür steile Wanderung am Talausgang aus. Die treibt den Puls schon hoch. Am Folgetag geht es dann per Zug wieder ans Nordende der Insel.

Zurück in Keelung, ist vollkommen unklar, ob und wann die nächste Fähre geht. Zumindest am Ankunftstag kommen wir  laut Hafenpförtnerin, nicht mehr weg. Weil Samstag ist, sind die Hotelpreise hoch. So kommt es, dass wir in einem runtergekommenem Hotel mit Bunkeroptik im Inneren landen. Auch am Folgetag wird das Schiff gecancelt und um nicht depressiv zu werden, siedeln wir uns 5 km weiter in ein besseres Hotel mit hübschen Blick an der Küste ein. Ein Ozeanmuseum wird besucht. Es erinnert etwas ans Deutsche Museum, mit vielen dreidimensionalen Schaudarstellungen in Lebensgröße, aber leider gibt es nur sehr sporadische englische Übersetzungen. Heute nochmals Spannung, ob die Fähre geht oder nicht. Wieder folgen schwierige Übersetzungsversuche per App mit dem Hotelpersonal und Kommunikation über Telefon inklusive Missverständis mit dem Hotelmanager und der Reederei. Aber ja, am Vormittag kommt das „go“. Nochmals verbringen wir Stunden in Keelung. Eine unfassbar hässliche Stadt. So hässlich, dass die Wahrnehmung bei mir umschnappt und ich finde, sie ist ein absolutes Kunstwerk! Und plötzlich entdecke ich überall surreale Stilleben und danke Maria, die an einer Berggasse steht, dass unsere Reise bisher gut und sicher verlaufen ist.

Abends am Fährhafen poppt ein neues Problem auf. Tickets gibt es nur am Automaten zu kaufen. Beim ersten Versuch mit englischer Eingabe gibt es gleich eine Fehlermeldung – auf Chinesisch. Hilfreiche Taiwanesen schaffen es, auf Schorschs Reisepass ein Ticket zu kaufen. Bei meinem Pass kommt wieder die gleiche Fehlermeldung wie zuvor, die besagt ich hätte schon ein Ticket und ich könne kein Zweites kaufen. What!! Vor zwei Tagen hatte ich versucht die Tickets online zu kaufen. Bereits das war ziemlich mühevoll, mit etlichem try and error und letztendlich nur mit Hilfe der Hotelangestellten zu bewerkstelligen. Allerdings – der Bezahlvorgang klappte nicht und wurde abgebrochen. Meine Vermutung: der mit meinem Pass verknüpfte Vorgang hat sich digital aufgehängt. Na ganz suuper! So sitzen wir im Ungewissen, aber eine Stunde später wird ein Schalter geöffnet und es wird alles gut.

Schorsch:

Manchmal wird mir die Frage gestellt, warum wir uns die Mühsal mit den Fahrrädern, den Fähren und endlosen Zugfahrten antuen, warum wir nicht einfach fliegen?

Tja, zunächst war da der Gedanke ohne großer Umweltbelastung durch Flugzeuge zu Reisen. Dazugekommen ist das sagenhafte Gefühl, die ganzen Kontinente und Länder auf dem Land-und Wasserweg zu erfahren. Als Millionäre der Zeit ist alles das möglich. Spannend!, Spannend war’s bisher, Spannend ist’s, was noch kommt. So bekomme ich das Gefühl der Weite, der Größen, und die nur kleinen Unterschiede zwischen den Menschen von einer Region zur anderen wird deutlich. Wie sich Gesichtszüge, Frisuren, Kleidung, der Umgang miteinander und der Umgang gegenüber uns, sich langsam von Region zu Region, zu anderen Ländern und Landstrichen ändern oder mischen. Wie die Haustiere, Hunde und Katzen in den Alltag der Menschen mit integriert werden, oder auch nicht. Wie mit Kindern umgegangen wird. Wie die Natur sich verändert, die Blumen, die  Bäume und Wälder, die Hügel zu Bergen werden und umgekehrt. Wie Flüsse anschwellen oder gerade nur Rinnsale in sagenhaft weiten Betten sind. Keinen holprigen Kilometer mag ich missen, keine steile Steigung und oft bin ich aber auch froh, wenn’s wieder um ist. Vielleicht hat Marco Polo sich ähnlich gefühlt.

Unverständlich auch für die, die nicht wissen, dass hinter jeder Ecke ein neues Abenteuer wartet, neue Begegnungen, neue, ganz andere, Landschaft. Neues, das neugierig bleiben lässt. Wer hier neugierig ist, kommt auf seine Kosten, dessen Träume gehen in Erfüllung und das auf jedem einzelnen, auch oft mühseligem Kilometer. Aber schön ist’s, und wenn es gerade nicht so schön ist, wird’s bald wieder begeisternd. Und ist’s gerade anstrengend und mühselig, ist’s dennoch interessant und viele Erinnerungspunkte werden gesetzt, und Vieles findet einen Platz in meinem Herzen.

Da sieht man Radler, ab von Allem, die ganz alleine unterwegs sind und dennoch Maske tragen. Hier sieht man Affen, die plötzlich auf dem eigenen Sattel sitzen, hier sieht man Verkehrsschilder, die vor Schmetterlingen warnen. Hier sieht man komplett durch Erdbeben und Taifune zerstörte Straßen und kann nur erahnen welche Probleme das für die Menschen hier bringt. Hier ist es fast täglich spannend, ob man ein gemütliches Hotel findet oder schäbig gebettet ist. Hier trifft man auf Menschen, die extra ihren Scooter anhalten um uns „Welcome in Taiwan“ zu wünschen.

All das und noch viel mehr bringt mir jeder Kilometer auf dem Landweg.

Die Reise durch Taiwan neigt sich dem Ende zu. Die schönen Radstrecken waren nicht so ganz einfach zu finden. Die offizielle Radroute ist ein Schauder. Entlang der Hauptstraße wollte man uns durch das Land schicken. Zum Glück sind wir ordentlich mit digitalen Landkarten ausgestattet und fanden kleine Wege. Auch für Ausflüge und Wanderungen war die Muße und Zeit. Erst mit dem Motorrad konnte die schönste Landschaft von Taiwan erfahren werden. Nur motorisiert schaffen wir Berge. Und da, das weiß man schon aus dem Alpen, ist’s erst richtig hübsch. Auf der Ostseite – Gegenwindstrecke – ging’s auch nur mit dem Zug zurück zur Fähre.

Ingesamt kann ich sagen, nicht unbedingt ein Land für Fahrradreisende. Aber Taiwan ist bisher das Land mit den nettesten, hilfsbereitesten und freundlichsten Menschen auf der Reise. Es sind zwar sehr, sehr viele Scooterfahrer unterwegs, aber alle nehmen Rücksicht und keiner gefährdet. Außer, die älteren Damen sind zu Fuß oder mit dem Mofa unberechenbar sorglos unterwegs.

Und gerade heute kommt der Vorsatz, jeden Kilometer auf dem Land- oder Seeweg zu ergattern, auf den Prüfstand. Die Fährverbindung von Taiwan nach China Festland scheint ungewiss. Der Fährhafen ist geschlossen und scheint verwaist. Die Fährverbindung ist angeblich wegen Wind ausgesetzt. Wann geht’s wohl weiter? Wenn wieder in China, dann zuerst irgendwie nach Fujian. Von dort soll’s wieder weite Stecken mit der Bahn nach Kunming gehen. In Kunming gibt’s wohl interessante Landschaften. Die müssen dann bei um die 10 Grad Kälte angeradelte werden. Erst dann kann der Zug nach Vientiane (Laos), in die Wärme bestiegen werden. Für Laos wird dann noch ein eVisum benötigt. Gerade noch keine Idee ob das klappt.

Eigentlich könnte einfach ein billiger Flug nach Bangkok gebucht werden. Mal sehen was wir nicht Verpassen.