Die Wetterlage macht schon enorm viel aus. Gestern haben wir den Hafenort in China erreicht, der uns bei der Ausreise sehr schäbig vorkam. Dieses Mal ist ein Traumtag und da einige Baustellen beseitigt sind, wirkt das Städtchen gar nicht mehr so übel. Da es bereits fortgeschrittener Nachmittag ist, entscheiden wir uns, ein Didi-Taxi im XL Format zu rufen. Das Glück ist uns hold, und beide Fahrräder mit dem gesamten Gepäck und uns beiden auch noch, passt hinein. Der Fahrer ist jung, sympatisch und gibt sich alle Mühe. Nur stellen wir am Folgetag fest, wir hätten zu dem viel näheren Highspeedbahnhof in Fuzhou fahren können. Ich fasse mir an die Nase, die Recherche muss deutlich besser werden!
Was ein krasser Unterschied: heute rasen wir mit 300km/h durch China – 1500 km an einem Stück – während wir vor 3 Tagen noch in der Warteschleife in Keelung festhingen. Die Landschaft ist in Winterruhe. Die Reisfelder abgeertet und braun. Nur selten grasen darauf noch Wasserbüffel, Kühe oder Schweine. Frisches Grün wächst aber immerhin auf den Gemüsefeldern und auch Bambus und, wahrscheinlich immergrüne Laubbäume, unterscheiden das Winterbild zu dem von Zuhause. Das ganze Land ist komplett von Hügeln, später von Bergen durchzogen, was zur Folge hat, dass wir auf unserer Rennstrecke durch endlos viele Tunnel zischen. Zum Abend hin leider fast gänzlich und die kurzen Lichtblicke sind diesige Schlaglichter. Zu anderer Jahreszeit und außerhalb der Metropolen, ist es hier sicher traumhaft schön.
Wer sich für die Entwicklung des ländlichen Chinas, deren Menschen und den unglaublichen Umbruch dieses Landes interessiert, dem möchte ich das unbedingt lesenswerte Buch von Peter Hessler „Über Land“ empfehlen. Habe ich gerade ausgelesen: witzig, spannend, aufmerksam.
Schorsch:
Der Grenzbeamte ist bestechlich, meine Freundlichkeit und Höflichkeit macht in korrupt und er hilft uns, auch freundlich, durch das Einreiseformular.
Der Weg zum nächsten Bahnhof soll weit und beschwerlich sein. Wir versuchen über DiDi ein XL Taxi zu buchen. 50 Km weit soll es uns bringen. XL gibt’s hier aber nicht. Schwierig hier, so abseits einer größeren Stadt. Buchen wir halt zwei „Reguläre“, so der Plan. Es ist aber nur eins über einen WeChat-Account buchbar, Petras WeChat/DiDi versagt den Dienst (wie schon beim letzten Mal in China und überhaupt noch nie). Es kommt also zunächst ein Fahrer, der soll dann ein Zweites anfordern, so die Idee. Aber, sehr gut!, Beide Radel passen zusammengeklappt mitsamt Gepäck und uns in ein E-Auto. Und weil’s für uns einfacher is – mit dem Zug müssten wir noch umsteigen – soll uns der Taxler gleich die 170 km nach Putian bringen, wo auch am nächsten Tag der Schnellzug nach Kunming losflitzt. Doof ist nur, dass wir am nächsten Tag mit dem Schnell-Zug an der zunächst angepeilten, nähergelegenen Stadt halten. Der Schnellzug-Streckenplan blieb uns verborgen. Nur noch ein kleine administrative Hürde ist heute zu nehmen. Das Hotel wurde versehentlich für den gleichen Tag im nächsten Monat gebucht.
Hier am Bahnhof von Putian ist wieder Kollisionskurs angesagt. Wir erreichen den weitläufigen Bahnhof viel zu spät. Verträumt sitzt man noch beim Frühstück, als erkannt wird, dass wegen mysteriöser Fehlinterpretation der Zug um eine Stunde eher losflitzt als gedacht. Eine Stunde bleibt noch. Und los! Flink packen, und zum Bahnhof, zum Glück nur über einen sehr großen Bahnhofsplatz. Ticket kaufen, Rad verpacken und alles durch die Sicherheitskontrolle buxieren. Jeder Weg muss, im Laufschritt, 2 mal geflitzt werden. Einmal mit Taschen, einmal mit verpackten Fahrrad. Petra nutzt ihr listiges Hackenkuli. Und wiedermal, wiedermal!, sind’s zum Abfahrstbahnsteig ungefähr 400 Meter. Ohne Puste und mit Manöfrierträgheit kommt es schon mal zu Kollisionen mit Anderen und mit meinem Gepäck. Und auch verblüffend! In meiner bepackten Überbreite benötige ich den gesamten Platz enger Zuggänge. Das hält so mach Einen dennoch nicht davon ab, mir entgegenkommend trotzdem den Gang zu betreten. Ausweichen nicht möglich. Unhöflich muss ich sie zurückschieben. Kein Platz für Wendemanöver.
Auch gut zu wissen.
Wer guckt verliert!
In China strömen die Menschen mir oft erstaunlich zielstrebig auf Kollisionskurs entgegen – ohne jede Andeutung, auch nur einen Zentimeter auszuweichen. Demonstrativ wird nicht hergeguckt, oft schnell ins Handy.
Und ich hab mal recherchiert.
Schaue ich den anderen an, gehe ich automatisch in seiner Logik die Verpflichtung ein, selber auszuweichen. Also bleibt er auf Kurs – ich ja offenbar nicht. Tue ich dagegen so, als hätte ich ihn nicht gesehen, weicht man plötzlich doch ein Stück aus. Fußgängerverkehr nach dem Prinzip: Wer schaut, ist zuständig. Klingt unhöflich, funktioniert aber erstaunlich gut. Man ist Teil eines Menschenstroms, nicht Individuum. Anders also wie ich es gewohnt bin. Sieht man sich gegenseitig, ist jedem klar, jeder muss etwas weichen. Das europäisch angewöhnte Augenkontakt-Prinzip klappt hier nicht.
Pech hat der, der wohl instinktiv wahrnimmt, dass ich ihn sehe, er aber meine große Packtaschen oder die große Fahrradtasche nicht sieht, die ich gerade schleppe. Die dafür zusätzlich benötigte Aufmerksamkeit wird durch das Smartphone-Gucken aufgebraucht. Ich bin in der Bewegung träge und breiter als von jenen Unaufmerksamen wahrgenommen. So jemand kollidiert mit meinem Kram und blickt verdutzt vom Smartphone auf. Fußgänger ohne Bildschirmablenkung registrieren die Überbreite und der beidseitigen Moove klappt nämlich ohne Kollision.
Einen Großteil der Hügellanschaft mit hübschen Teeplantagen und sonnigen Täler verpasse ich, weil der Zug mit knapp 300 meist durch Tunnel saust. Und wie aus dem Nichts ploppen plötzlich riesige Städte auf. Und schon bin ich wieder ordentlich beeindruckt von den modern wirkenden Hochhaussiedlungen und den leeren aber breiten Straßen. Platz haben sie hier schon üppig. Es macht den Eindruck, dass die Städte hier noch befüllt werden müssen. Der Landes-Chef hat die schon vor etlichen Jahren aufgegebene Einkindpolitik abgesetzt und vor kurzen ein Programme zu Vergünstigungen für mehr Kinder aufgelegt.
Eigentlich hab ich eine kleine Misophonie. Eventuell hilft da China als Kur.
Denn hier ist auch wieder der entsprechende Geräuschpegel. Suppen werden laut geschlürft, und Jeder ist immer Nudelsuppe. Wobei der Abstand von Mund zu Tellerrand nicht festgelegt wird. Gerne beträgt der Abstand 0mm. So kann dann auch gleich die Flüssigkeit abgeschlürft werden. Die Nudeln, dann, teils hochfrequent, teils mit etwas Bedacht, weil Fleischstückchen oder Fischteile oder Sonstwas, auch mit Stäbchen reingeschaufelt werden sollen. Gekaut wird offenkundig mit viel Geschmatze. Jeder ist geübt, jeder ist routiniert, jeder schiebt mit der anderen Hand Bilder und Filmchen auf seinem Handy hin und her.
In China jetzt wieder das Smartphone in voller Lautstärke. Im Sekundenrythmus unterschiedliche Soundeffekte, der jeweiligen Filmchen. Auch „strange“, da sitzen Familien am Ess-, oder Frühstückstisch beisammen und der Vater guckt konzentriert oberflächliche Kurzfilmchen. Gerne wird auch der Nasenrotz geräuschvoll hochgezogen und der Rachenschleim hochgehustet und der entsprechende Haring dann überall hin geblasen. Dafür ist es verpöhnt, sich öffentlich zu Schnäuzen.
Ich hab mal nachgeguckt:
In China wird lieber Hochgezogen als Geschnäuzt. Ein volles Taschentuch gilt als unappetitlich, während Geräusche erstaunlich sozialverträglich sind. Das kommt aus der Lehre der traditionellen Chinesischen Medizin: Starkes Schnäuzen soll den Körper stressen, das Hochziehen dagegen, den Schleim „natürlich“ lösen. Für europäische Ohren gewöhnungsbedürftig – für China einfach gutes Benehmen mit Gesundheitsbonus. Aber von wegen Gesundheitsbonus! Viele Raucher gibt es hier und entsprechend verschleimte Rachen. Hier in China lebt wieder jeder ungeniert in seiner eigenen Geräusch- und Aufmerksamkeitsblase.
In Taiwan, Japan und Südkorea hatten wenigstens alle Kopfhörer, Taschentücher aber auch keine.
























