Petra:

Zehn Kilometer, nachdem wir aufgebrochen sind, stoppt uns eine Polizeistreife. Wegen des starken Regens sei die Straße, die wir fahren wollten, leider gesperrt. Marcus versucht nicht lange zu diskutieren, wir drehen um und fahren die alternative Route auf einer größeren Straße. Die ist dennoch landschaftlich sehr hübsch mit alten Bauernhöfen links und rechts, kleinen Feldern und am Fluss entlang. Die neueren Höfe sind außen meist weiß gekachelt und mit Flachdach. Die Älteren wirken mit ihren hochgezogenen Dachziegeln am First und verputzten Wänden wesentlich hübscher. Aber alle haben einen betonierten Hof, auf dem die Ernte getrocknet, gesäubert und verteilt wird. Hier wird Holz für den Winter gestapelt, Wäsche getrocknet und auf Schemeln wird gewaschen, zusammen gegessen oder auch nur geratscht. Die großen Eingangstüren sind mit isolierenden Steppvorhängen abgehängt, und um den Türstock sind rote Banderolen mit Glückssprüchen tapeziert. Mitunter ist man verwundert, welch große neuen Autos davor geparkt sind.

Obwohl noch mitten am Vormittag, wird die letzte Gelegenheit auf eine Jiaoze-Mahlzeit genutzt. Marcus weiß, dass die Kalorien für die kommenden Bergkilometer notwendig sind und auch jeder kommende Shop mit Eis oder Limos wird wahrgenommen. So anstrengend wie die Tage davor, wird es aber bei Weitem nicht. 

Nach dem Pass geht es 30 traumhafte Kilometer bergab. Auf der Rückseite der HuaShan Berge haben sich famose tiefe Schluchten gebildet, durch die wir hindurchflitzen. Unglaubliche Felswände türmen sich um uns auf, geformt wie riesige abrutschende gepolsterte Lappen. Gigantische Szenerien und ganz anders, als in unseren Alpen. Sehr eindrücklich!

Im Flachland ist es 10 Grad wärmer, also 35 Grad. Diese Temperaturen werden uns die nächste Zeit verfolgen. Es gilt noch herauszufinden, ob wir das überhaupt so packen. Abends kommt unser „Langzeitgepäck“ per Kurier an. An der Schraube „ Balast“ muss auf alle Fälle gedreht werden. 

An Marcus‘ spartanisches Reisegepäck werden wir natürlich nie rankommen. Er wird wahrscheinlich mit nur 6 kg sein 2000 km (?) langes Ibericarennen in 3 Wochen bestreiten. Kleiderwechsel muss da nicht sein, ist ja nicht zwingend überlebensnotwendig, nur bei zu kaltem Wetter mit Regen wird’s eng. Chapeau – wie er seinen Körper und Geist auf Maximalbelastung und Kräfteeffizienz trainiert hat. Ziemlich spannend für uns Weicheier, etwas darüber zu erfahren. Aber vorallem ist Marcus für uns ein offenes Lexikon, was Leben und Reisen in China betrifft und für unsere Weitetreise mehr sls hilfreich! Super vernetzt ist er, zudem unglaublich hilfsbereit und teilt sein Wissen gern – mehr Kumpel als Tourguide und für uns ein echter Glücksfall. Weil er das in Zukunft ausbauen möchte, teilen wir hier gerne eine kurze Beschreibung für Interessierte:

Ich bin Marcus und lebe seit 2017 in Xi’an. Meine Passion ist Radfahren und seit 2020 veranstalte ich Mehrtagestouren in Shaanxi. Jede Tour ist individuell abgestimmt auf unsere Gaeste (von Kindern bis Senioren) und bietet Einblicke in das lokale Leben, die Nichtradelnde verpassen wuerden. Auch kümmere ich mich gerne um alle anderen Reisearrangements, Tourismusbesuche, Mietwagen, Radreparaturen etc.

Erreichbar bin ich über marcus.meyer.china@outlook.com, WhatsApp/Wechat 18392879607

Schorsch:

Alles wieder einigermaßen sauber und nach zwei leckeren Butterkringeln mit Joghurt noch schnell halbgemütlich auf dem Zimmer verdrückt, geht’s weiter. Letzte Etappe mit Markus. Hat die Stecke wegen unserem Genörgle wegen zu viel LKW Verkehr, kurzfristig umgeplant. Durch die Berge, 200 Höhenmeter mehr und schlappe 10 km länger. Aber schon nach der ersten Abzweigung stoppt uns die Pollente. Macht uns klar, dass die Strecke gesperrt ist. Nix ist’s mit einsamen und geräuschlosem Treten. Bergauf geht‘s zusammen mit sehrsehrvielen Sattelschleppern. Bergab, wieder in die Hitze von 39 Grad, stört kein Sattelschlepper auf unserer Spur. Haben wohl ähnliche Geschwindigkeit beim Absausen der über 1000 Höhenmeter. Dafür schockieren so manche Entgegenkommende durch Bergaufüberhohlmanöver. Bremsen quietschen. Auch meine mal. Die schlingerige Abfahrt durch die Schluchten der Huashan Berge ist spitze und juchzig. Dann bloß noch 20 km durch die Hitze auf verkehrsreicher Straße und gut is! Kann ab jetzt wieder ruhiger Treten. Die Erfahrungen der letzten 3 Tage zeigt mir, dass ich die geplante Route der nächsten Tage nochmal auf mögliche Vermeidungen von Hauptstraßen überprüfen mag. Und auch klar ist, der Abstand von Hotel zu Hotel soll nicht mehr als 60 km sein. Hoffentlich machbar, bei vorausgesagten 39 Grad. 

Die Pension und der Kiosk der Nachbarschaft sind eine Symbiose von Kaltgetränk einkaufen und vor dem Hotel gemütlich sitzen und in die Berge gucken. Erholsam! 

Auch unser 28 Kilogramm Gepäcksack kommt an. Erschreckend das Gewicht! 

Markus ist ein Ultracycling-Event Fan. Mag es leiden, sich auf Transibérica 2025 ca. 2600 km und ca. 45000 Höhenmeter auf eigenen Wegen, sich von Bozen nach Bilbao zu schlagen und sich zu messen. Schwärmt von wenig Gepäck, kaum Schlaf und bei jedem Wetter alles auszuschalten und auszuhalten und nur noch zu treten zu essen und zu schlafen. Geraucht wird zeitgleich mit dem Pinkeln. Und ja, erstaunlich! Er ist starker Raucher. Was ich dieses mal gut finde. Hat mir so mache Pause eingebracht. Er hatte bestimmt schon 3 Glimmstängel abgeraucht bis ich auch mal anschnaufte.

Wie auch immer! Haben mich seine begeisternden Erzählungen immerhin so weit gebracht, dass ich über meine eigene Situation nachsiniere. Das Gepäck muss nochmals reduziert werden. Die schweeeere Sony Systemkamera und der Wasserfilter werden einem Freund von Markus aufgehalst, der den Kram mit seinem Rückflug in die Schweiz einpackt. Gleichschonmal nach unserer Reise eine hübsche Motorradtour zum Abholen der Sachen gesichert. Und weitere Klamotten werden unter Tränen ausgesondert. Warme Socken, warme Jacke, überflüssiges (hoffe ich) Werkzeug und solche Sachen. Das soll den Heimweg mit der Post finden. Jetzt aber, nehme ich mir vor, nicht mehr mit dem Gewicht zu hadern, sondern zu akzeptieren, dass es wahrscheinlich mal wieder kälter als 40 Grad haben wird. Und meinen Technikkram wie Drohne, Labtop und Instakamera mag ich dabei haben. Das ist eigentlich das Hauptgewicht, das ich mitschleppe. Und ich selbst natürlich.

Schorsch hat zu dieser Abfahrt ein Video auf YouTube gestellt: