(8.21656°, 124.52577°)
Schorsch fühlt sich nach 3 Tagen im Bett mit Husten, Fieber und „Magen-Darm“ wieder fit, so dass wir unseren Tagestrip mit dem vom Hotel empfohlenen Tourguide auf der Insel angehen können. Das Tagesprogramm hüllt sich uns noch im Unklaren. Eine unleserliche Liste und eine viel zu schnelle Aufzählung vor vier Tagen bieten Überraschungspotenzial.
Wir werden vom Fahrer und dem Neffen des Touranbieters Achmad abgeholt. Natürlich mit Verspätung – denn in Indonesien läuft alles per „Gummizeit“. Wir urkeln ein paar enge Gassen durch Wohnviertel, um bei zwei privaten Tierhaltern einmal einen weißen Adler in viel zu engem Käfig und ein anderes Mal zwei südamerikanische Leguane in einem Gehege zu besichtigen. Inhaber und Guide sind stolz, solch Besonderheiten auf Alor bieten zu können, inklusive dem artgerechtem Futter in Form von frisch gezogenen südamerikanischen Kakerlakenkäfern. Eine vorherige Zwischenpause auf der Veranda vor Achmeds Haus, ergab eine kurze aber sehr herzliche Vorstellung der Familie zu Kaffee, Tee und Gebäck. Dann saßen wir alleine, etwas wie abgestellt, und ließen die umliegenden Häuser und Wellblechkonstruktionen mit der entspannenden Unaufgeregtheit des Ortes in uns fließen. Eigentlich ganz schön, recht ungewöhnlich als Programmpunkt, aber irgendwie auch mittendrin. Das hiesige Ebenbild zu „im Garten sitzen bei uns Zuhause“. Eine kleine Katze trollt vorbei, die Nachbarin sammelt eine Schüssel von ihrer Veranda ein und grüßt herüber, bevor sie, wie unsere Gastgeberinnen vorher, zur Küchenarbeit entschwindet.
Wir werden eingesammelt. Ein zweiter Wagen mit einem spanischen Ehepaar trifft hinzu. Gemeinsam geht es jetzt zur Küste. An einem kleinen Strand besteigen wir zusammen ein schmales Auslegerboot, das uns zu einer weit gezogenen Bucht schippert. Nach ein paar Runden auf Suche erscheint der hier beheimatete Dugong. Ein großes Tier, das von selbst die Nähe des Bootes sucht. Der Bootsführer versichert uns, er möchte mit dem Boot spielen (die verharmlosende Beschreibung dafür, dass das Männchen mangels Sexualpartner scharf auf alles ist, was ihm in die Nähe kommt und mit dem es sich vergnügen kann – erfahren wir später im Klartext), wenn er in die Ausleger beißt. Die Hand solle man deshalb besser nicht ins Wasser strecken. So umkreist uns das Tier träge oder schwimmt rücklings unter uns hindurch. Es ist neugierig und hat verblüffenderweise die nahe Verwandtschaft mit Elefanten und gar nicht mit Delfinen oder Walen, wie zunächst vermutet. Und auch nicht mit Seeelefanten oder Robben, die zu den Raubtieren zählen. Unser Dugong frisst nur Seegras. Er bekommt selten auch Besuch von ein bis zwei Artgenossen. Und als wir eigentlich zurückkehren wollen, beißt er sich am Bootsrumpf fest, denn ein Bootskörper ist eben auch ein Körper und will uns ungern wieder fahren lassen – so die Erklärung. Etwas stutzig macht mich, dass der Bootsführer nun Wasser unter seinen Füßen ausschöpfen muss.
Danach geht es zu einer Grundschule und in einen Klassenraum mit dreizehn Kindern. Disziplin und Inventar erinnern mich vage an meine erste Klasse Volksschule vor über einem halben Jahrhundert. Achmed scheint uns Vier als Köder zu nutzen, dass Englisch lernen wichtig ist. Pädagogisch ist sein vehementer Auftritt vor den Kindern vielleicht etwas fraglich. 13 große verschüchterte Augenpaare sehen uns an. Mit ein paar Sätzen stellen wir uns vor. Im Vergleich zum spanischen Pärchen sind wir hinsichtlich Reisedauer Waisenknaben. Sie sind seit 2021 mit einem 15 Meter langen Segelboot von Spanien aus, immer Richtung Westen via Panamkanal, auf Weltreise. Und sie sind mit diesem Leben immer noch sehr glücklich und gut drauf. Zum Abschluss wird uns von Achmed und den Schülern ein Lied gesungen und weiter gehts mit den Autos in ein altes Bergdorf.
Die Dorfältesten begrüßen uns in traditionellem Gewand. Schmuck- und Ikatstoffstände sind für uns Touristen schon aufgereiht. Eh klar, das Ganze ist eine Vorführung. Aber alles gut, die Stammesangehörigen verstellen sich nicht, zeigen uns „ihr Freilichtmuseumsdorf“, erhalten ihre Entlohnung über Achmad und haben so einen kleinen Verdienst. Laut Achmads Neffen hilft es den Menschen um über die Runden zu kommen. Alle wirken von den Bethelblättern, die sie beständig kauen, einigermaßen angerauscht. Eine jüngere Frau dreht zu Hip Hop aus ihrem Handy voll auf und könnte mit ihrem Tanzstil in jeder Münchner Disco ganz cool mithalten. Alles etwas skurril und vielleicht gerade deshalb ein guter Einblick. Sonntags gehen sie zum Gottesdienst in die Kirche, denn die Clans in den Bergen sind katholisch, wenngleich vor der japanischen Invasion im zweiten Weltkrieg noch Kopfjäger. An der Küste hingegen leben eher Muslime. Der Kaffee aus hier wachsenden Sträuchern, mit Ingwer verfeinert, ist ein Geschmackserlebnis. Merken!
Unten in der Stadt gibt es im einfachen Warung Mittagessen. Seit Tagen essen wir morgens, mittags, abends Nasi Goreng, Mie Goreng – gemischter Reis, gemischte Nudeln oder als Variante: deren Zutaten nicht vermengt sondern getrennt (Reis, Ei, Gemüse, Hühnchenschnibbel, Sambal). Im Grunde schmeckt alles nicht überwältigend und leider immer gleich. Die in unserem Hotel angebotenen Spaghetti und Pizza schmecken auch nur noch schauderhaft.
Aber zurück in die Berge. An einem rituellen Platz hinter einem Dorf wurden hier früher die abgeschlagenen Köpfe fremder Clans unter einen Steinkreis geschichtet. Auch heute treffen sich die Dorfbewohner noch zu Riten und Feiern, Köpfe rollen dabei nicht mehr. Wahrscheinlich kleiden sich dabei alle traditionell in eine Art Baumrindenschürze. Ziemlich kratzig und unbequem, stelle ich bei einer Anprobe fest. Der Chef das Dorfes führt uns vor, wie die Rinde geschlagen und geschält wird und Feuer aus zwei Bambusstücken „gerieben“ wird. Im Steinzeitlalter war’s sicher nicht viel anders.








































