Kyoto ist fast perfekt, so steht es schon im Reiseführer. Es gibt hier über 2000 Tempel und Schreine, und die wenigen, die wir besuchen (teilweise mit Fotografierverbot), sind wirklich wunderhübsch. Jeder hat seine eigene Atmosphäre und seine eigene Besonderheit. Kyoto war bis 1868 tausend Jahre Hauptstadt des Landes und ist vom Zen Buddhismus durchdrungen. Und hier gibt es sie, die jahrhunderte alten Zen-Gärten, teils nur mit Steinen, teils als Wald oder als Gärten mit Teich. Blätter werden nicht gerecht (nur der Kies), sondern mit kleinem Handbesen wird das zarte Moos vom Blattwerk befreit. In der Stadt gibt es noch viele kleine Gassen mit Häusern in traditioneller Bauweise. Kyoto – ein Muss für jeden Japantouristen, ist natürlich proppvoll mit Touristen. Klaro, wir sind ja auch da.
Aber zu geh‘n tut‘s wie beim Almabtrieb. Herbstfärbung, schönes Wetter, Samstag und alle wollen zu den schönsten Plätzen. Nun ja, ist keinem zu verdenken und in Peking war es schon mal voller. Außerdem ist morgen Regen angesagt. Wie herrlich, dass wir mit dem Fahrrad auch schnell wieder weiter durch ruhigere Viertel und Straßen unterwegs sind. Vom goldenen Tempel zu d e m Zen-Steinegarten, Zwischenstopp in einer kleinen ruhigen Pizzeria, durch den Bambushain am Fuß des Arashijamaberges zum Tenryu-ji Tempel (Steine im Teich) und über die Toketsukyobrücke. Architektur und Gartenlandschaft in entrückter Schönheit. So seltsam dieser Begriff klingt, hier ist er treffend angebracht. Natur und Bauwerke, ja selbst die Putzeimer, wie aus einer anderen Matrix.
Bei der Rückfahrt am Flussufer schauen wir Kindern beim Baseball Trainingsspiel zu. Trotz Snoopy in unserer Kindheit kennen wir die Spielregeln nicht wirklich. Die meisten Spieler stehen nur wartend herum, während der Schläger irgendwie alles mit der Keule entscheidet. Nur, es trifft kaum einer dieser Schläger je den Ball, geschweige denn richtig. Ich sehe ja ein, dass das verdammt schwierig ist, aber das Ganze scheint mir sowohl für Spieler als auch für den Zuschauer gleichermaßen desillusionierend. Eher eine Zen-Buddhistische Übung zum Aufbau mentaler Stärke im Misserfolg. Ist es vielleicht das, was den Reiz dieses Spiels ausmachen soll?
Bei uns gibt es abends gezieltes Sparprogramm: im Hotelzimmer Brotzeit aus dem Supermarkt, frühzeitig in den Schlafanzug und eine lange Runde Lesen.
Schorsch:
Kyoto gefällt mit. Wir tingeln durch mehrere Schreine und sehr ansprechend gestaltete Zen-Gärten. Hat schon was! Hat aber auch viele weitere und zahlreiche Besucher. Hier auch mal wieder einige westliche Touristen. Würde gerne mal länger wo in Ruhe sitzen und mich in den Ort einfühlen. Geht hier nicht. Trotzdem sind das Farbenspiel der herbstlich gefärbten Bäume, die Wasserflächen, gebeselten Moosflächen, gerechten Kieselflächen und die Holzschreine sehr gefällig. Und überall zwischen den Touristen tummeln sich verkleidete junge Frauen, entweder im Manga-Girly-Look oder mit traditionellen Kimonos und knipsen sich gegenseitig. Radausflug zum Stadtrand zu weiteren Schreinen, hübschen Zen-Gärten und Bambus-Wanderweg. Alle sind voll besucht und recht eng und wuselig ist‘s. Da ist‘s schon beschaulicher, noch in den letzten Sonnenminuten am Flussufer zu sitzen und den jungen Baseball Spielern zuzugucken.





















































