Schorsch:
Die Strecke von Peking nach Erenhot (China) und dann nach Zamyn-Üüd (Mongolei) verbringen wir gemütlich im 4er Liegeabteil. Oben, rechts und links je eine Pritsche. Unten je Seite Platz zum Sitzen oder Liegen. Es ist also genug Platz für Petra und mich unten zu sitzen. Gegenüber legt sich gleich ein junger Mann in die Pritsche im ersten Stock und seine Anwesenheit verläuft außer ab und zu Schnarch-Geräuschen, störungsfrei. Gegenüber sitzt der 17jährige Sunhy. Mit dem sind wir diesmal nicht über Kekse ins Gespräch gekommen, sondern weil er fragt „Ihr seid doch keine Russen, oder?“ Aber ja, Kekse waren später auch wieder im Spiel. Sunhy ist Eisenbahn-Fan. Er fährt die Strecke mit dem „Bummelzug“ und steigt später aus, um mit dem Express nach Peking zurück zu huschen. Einfach so. Weil er es liebt mit der Eisenbahn zu reisen. Er kennt die DB und weiß, dass es in München eine Bahn gibt die S-Bahn heißt. Und sympathisch, er ist ausnahmsweise kein Fußballfan und kennt den FC-Bayern nicht. Und er kennt sich aus und berät uns, wo wir später, bei der Rückreise nach China, am besten und mit hübscher Landschaft die Chinesische Mauer besuchen können. Hätten wir ihn früher getroffen, wären wir nicht irrsinnig zwischen China und der Mongolei geirrt und hätten auch nicht im Schäbighotell Nummer 1, übernachten müssen.
Wir konnten das Ticket nur bis zur chinesischen Grenze in Erenhot buchen. Danach, so dachten wir, müssen wir den Grenzübertritt selber organisieren. Was wohl im in den Biker-Traveler-WatsApp-Gruppe als doof beschrieben wird, weil die Grenze nur im Fahrzeug passiert werden kann. Sunhy weiß, dass in Erenhot genügend Zeit für den Ticketkauf zur Weiterreise ist. Weil, die beiden Länder unterschiedliche Gleisbreiten haben und die Zugunterbauten aufwendig ausgetauscht werden müssen. Das dauert. So isses dann auch später. Die Fahrt geht zunächst durch Berglandschaft und teilweise über die Ufer getretenen Flüsse. Die Landschaft ist abwechslungsreich, und die Berglandschaft, wie fast immer für mein Auge und Sinne als Voralpenmensch, sehr schön anzusehen. Eigentlich war vor ein paar Tagen der Plan, hier noch etwas Zeit zu verbringen und Radelausflüge anzutreten. Vor einer Woche war hier noch Überschwemmungsgebiet. Schlimm!, auch mit Toten. Dann wird es flacher und eintöniger. Die Städte sind nicht mehr so, wie sonst in China gesehen, sie sind wieder einfacher und ohne riesige Hochhäuser. Ländlicher und auch ärmlicher – berichtet uns Sunhy.
An der Grenze werden wir aus dem Zug gejagt. Alle Reisenden! Wir erstehen weitere Tickets. Aber doof und nicht lange nachgedacht, nur die 9 km bis über die Grenze und nicht gleich weiter nach Ulaanbaator. Unser Plan war, dass wir gleich am nächsten Tag wieder nach China umdrehen und mit der neuen Einreise wieder 30 Tage Verweildauer für das uns recht gefällige China erhalten. Haben aber dann, nach weiteren Recherchen über die Praktik des Visa-Runs, Muffensausen bekommen. Infos aus der ChinaRadreise WhatsApp Gruppe berichten, dass die Wiedereinreise nach China sofort nach der Ausreise erfolgen konnte. ChatGPT berichtet, das man vorsichtig sein muss. Teilweise kann nach einem sofortigen Wiedereinreiseversuch die Einreise verweigert werden. Und die Gefahr besteht, auf eine schwarze Liste zu kommen und erstmal gar nicht wieder einreisen zu können. Besser ein paar Tage warten. Wird dort geraten. Eine Einreiseverweigerung wäre blöd. Sind doch die Räder und große Teile des Gepäcks in Peking. Das Ganze ergründen und diskutieren wir nach einer schrecklichen, und nervenaufreibenden Nacht in einem schäbigen Hotel. Die Ausreise aus China war easy. Aber die Einreise in die Mongolei war spannend. Zunächst tuckelt der Zug 9 km über die Grenze in die Mongolei. Dann stopp. Man muss im Zugabteil bleiben und ein Grenzbeamter kommt von Abteil zu Abteil und überprüft die Pässe. Bei uns eine in die Jahre gekommene Dame mit kantigem, viereckigem Gesicht, die früher bestimmt mal in irgendeiner Olympischen Sportdisziplin mitgespielt hat, wo Mann/Frau groß und stark sein musste. Die Dame sieht in unsere Pässe, raunzt was Unverständliches und zischt mit den Pässen ab. Da hocken wir nun in einer unklaren Situation und großer Sorge um die Pässe. Völlig unklar ob der Zug gleich weiterfährt. Nach etwa einer halben Stunde dampft sie wieder mit den Pässen an und verabschiedet sich. Nun wollen wir aussteigen. Das Ticket geht ja nur bis hierher. Wir sind wohl die Einzigen die da raus wollen. Ein Schaffner fragt noch verwundert, was es hier touristisches geben soll. Die vor dem Zug patrouillierenden Militär-Grenzbeamten verweigern, auch aus unklaren Gründen, den Ausstieg. Die Zugschaffner werden schon etwas nervös. Der Zug will weiterfahren. Etwas angespannte Situation. Direkt vor dem Ausstieg ist ein Soldat abgestellt. Irgendwann erreicht uns die Info, dass zuerst die komplette Grenzkontrolle des Zuges abgeschlossen sein muss, dann darf man raus. Also nix gegen uns persönlich. Irgendwann dürfen wir raus und man wünscht uns noch freundlich „Welcome in Mongolia“. Da stehen wir nun, um 1 Uhr, ganz alleine, am Bahnhofsvorplatz. Es hat schon ein paar Hotels aber bis auf Eines brennt nirgends ein Lichtlein. Die Dame die unterm Tresen pennt, wird geweckt und ist schlafgrantig mürrisch. Es gibt zwei Hotelpreise. Ganztag oder Halbtag! Wo sind wir hier wieder gelandet! Wie auch immer. Das Zimmer kostet etwa 10€ pro Nase. Beruhigend, es hat zwei Einzelbetten. Also nicht gedacht für Halbtages-Aufenthalte. Hätte ich meine Badelatschen nicht vor 5 Tagen aus Platzgründen weggepfeffert, hätte ich die beinahe gebrauchen können. Beinahe deswegen, weil das Wasser nur aus der Dusche tröpfelt und an Duschen nicht zu denken ist. Wäre hübsch gewesn zu duschen, nach 20 Stunden Reisezeit fühl ich mich ölig schmierig, überall. Schäbige Bude! Im tröpfeligen Waschbecken noch mit Wasser benetzen und dann ohne weitere Aktionen legen wir uns, ziemlich ermattet, auf mit nur einem Laken bedeckte Matte. Tatsächlich penn ich aber tief und fest.














