Schorsch:
Sooo, jetzt hock ich in Qingdao auf der Terrasse vom Guesthouse und unten hupt’s , ständig, klar! Qingdao: die Bierstadt und Stadt wo’s eine deutsche Kolonie zu Kauserzeiten gab. Mal sehen. Zumindest eine Kathedrale duckt sich zwischen den Hochhäusern. Vorerst das letzte Ziel in China. In 4 Tagen läuft das Visa aus und es soll per Schiff nach Süd-Korea gehen. Tickets stehen noch aus. Wird schon klappen. Eigentlich war’s zunächst vorgesehen, dass wir bis hierher treten. Zu viele lockende, erst auf der Strecke entdeckten Ziele, haben uns ins Schlingern geraten lassen. Da war das hübsch angelegte Naturschutzareal mit den Lotusblättern, da waren die schön für Radler angelegten schattigen Alleerouten entlang des Kaiserkanals, da war die Strecke entlang des gelben Flusses (hei! Ich bin den gelben Fluss in China langgeradelt!zwar nicht die gesamten 5464km, aber doch ein Stückchen), da war das Artistendorf Wuqiao, da war der Taishan, einer der 5 heiligsten daoistischen Berge Chinas, und da war die gemütliche Stadt Qufu mit seinen weiten Tempelanlagen und nachts hübsch beleuchter Innenstadt rund um die alte Stadtmauer. Qufu ist die Geburtsstadt vom Konfuzius. Und somit allemal als letztes Etappenziel der Radreise super geeignet. Immerhin haben wir uns 1160 km rumgeplagt. Geplagt, weil’s oft zu heiß war. Hab’s, glaub ich, schon mehrfach am Rande erwähnt. Aber auch insgesamt mag ich’s so schon recht gerne leiden unterwegs zu sein und ganz nahe an allem was so auf dem Weg daherkommt. Ganz nahe an den Menschen hier mit ihrer Herzlichkeit, Neugierde und Hilfsbereitschaft. Hab sie – die Chinesen – schon mit ins Herz geschlossen, auch mit all ihren ab und zu vorhandenen Nervigkeiten. Sich durchschlagen, Entscheidungen treffen und diese auch umsetzen, sich meist außerhalb der Komfortzone bewegen (keine der zahlreich installierten Überwachungskameras überwacht, ob ich meine Komfortzone verlassen hab, ob ich durstig oder hungrig bin, ob mir zu heiß, viel zu heiß ist, ob ich das Essen genießen kann, ob ich gemütlich gebettet bin, ob das Radeln oder TreppaufTreppab zu anstrengend ist, ob es an der „will not be named“-Stelle doch etwas aufgewetzt ist, ob’s zu laut ist, ob die Straße zu holprig ist, ob die Dusche und das Zimmer zu klein ist, und solche Sachen ….) und immer wieder aufraffen müssen und neue Abenteuer und Gegebenheiten auf sich zu kommen lassen. Genau Mein’s. Zumindest als Gesamteindruck betrachtet. Steck’ ich gerade in einer ungemütlichen Situation, kommt aber schon mal der kurze Gedanke: “Was mach ich hier eigentlich?“
Von Qufu nach Qingdao ging’s nur mit dem Expesszug. Wieder war’s Geschleppe. Die Konstruktion mit Scatebordrädern und Gewindestange hat nicht standgehalten. Was schon eigentlich klar war. Versuche ordentliche Hülsen für die Gewindestange zu ergattern, scheiterten. Mal sehn ob’s hier in der Stadt sowas wie eine Baumarkt gibt.
(Petra: ich hatte vorgestern abend noch einen kleinen Kinderspielzeugeinkaufswagen vor einem Spielzeugladen entdeckt. Hätte ich den nur mal gekauft! Jetzt habe ich dafür ziehen in der Rückenmuskulatur. Da muss eine Lösung her)
Petra:
Der Express-Bahnhof liegt 14 km entfernt, die wir faulerweise per Taxi überwinden (eine gute Entscheidung). Das weitere Geschleppe am Bahnhof ist aber wieder mal grenzwertig. Die Rollachsen verbiegen sich sofort und sind erst mal unbrauchbar. Ich bereue bitterlich, dass ich mir das Kindereinkaufswagerl, das ich am Vorabend entdeckt hatte, nicht gekauft habe! Wenigstens können wir nach Ankunft sofort unsere Räder aufklappen und unser Gepäck aus dem Bahnhof rollen.
Kurzer Ride zur Unterkunft – eine ehemalige Kapelle – und erst mal Dachterassenaussicht und die Sitztreppe vorm Haus testen. Wir wohnen hier sehr zentral und der erste Eindruck ist vielversprechend. Ich habe Qingdao als kleine Stadt in Erinnerung (vor 37 Jahren). Vor 150 Jahren gerade mal ein Fischerdorf, bis sich der deutsche Kaiser die Ecke unter den Nagel riss und eine kleine Kolonie in deutscher Architektur errichtete. Deshalb ist die Stadt heute auch ein touristischer Anziehungspunkt und besonders für Hochzeiten beliebt. Mittlerweile ist die gesamte Bay eine riesige Metropole mit ca. 5 Millionen Einwohnern.






