Petra:

Fast 1600 km Zugfahrt maßgeblich durch Wüste. Ich dachte das würde langweilig, aber das Gegenteil ist der Fall. Der Blick auf diese beeindruckende Weite mit mächtigen schneebedeckten Bergen dahinter, versetzt mich in eine ganze andere Relation. Ich möchte sagen, die Berührung mit dem unfassbar Großen. Wie konnten die Karawanen vor 500 Jahren diese Landschaft bewältigen? Und die Erklärung folgt nach 200 km. Vor der Stadt Hami, mitten in der Wüste gelegen, tauchen unvermittelt Wasserpfützen auf und mit einem Schlag wachsen Graskissen die zu Büschen werden, dann zu Bäumen und große sattgrüne Felder tauchen links und rechts auf. Die sind sichtlich neu und der Wüste abgerungen. Das haut mich um.

Auch sonst: der Zug fuhr auf die Minute pünktlich ab, die Gleisanlage ist perfekt ausgebaut, durchgehend von Umzäunung und Stromleitungen begleitet. In dieser vollkommenen Trockenheit nutzen die Chinesen das Land für gigantische Windparks. Ich spreche hier von geschätzt 50 auf 20 km Fläche und immer wieder tauchen neue Windräder am Horizont auf. Jeder Quadratmeter ist hier definitiv auf Bodenschätze erkundet. Anfänglich ziehen gleichmäßig LKWs in lichtem Abstand auf der parallel verlaufenden Straße Richtung Westen. Containerlager, Kühltürme – hier wird abgebaut und erschlossen und dies in einer Ordnung und Strategie, die einem Sience Fiction entstammen könnte.

Als das Tageslicht schwindet, scribble ich ein paar Menschen aus dem Abteil. Es bleibt nicht unbemerkt und bringt etwas Unterhaltung. Mich bringt es dazu, die Gesichter und Gesichtszüge der Menschen tiefer anzusehen. Das ist so was von interessant und spannend! Um Mitternacht dösen schon viele weg. Die Menschen hier sind so unglaublich klaglos. Keiner schimpft, keiner meckert. Sehr angenehm.

In Ürümqi fehlt uns die Zeit und Muse für Tagebuchnotizen. Die Größe der Stadt, die Hitze und unsere Mattigkeit ergeben, dass wir uns mit dem Taxi zuerst zur Pagode auf dem roten Berg bringen lassen und danach zum muslimischen Markt. Den authentischen Markt gab es hier wohl früher, inzwischen ist er eine moderne Nachahmung und Kulisse für neue Restaurants, Shops und Kulturveranstaltungen. Beliebt ist das Ganze trotzdem und wenn es genügend dampfende Essensstände gibt und hier sogar Maßkrüge voller Bier, herrscht der gleiche Andrang wie im bayrischen Biergarten zur Hochsommerzeit.

Schorschi

Das gestrige Früstück im Hotel war nutzlos. Nicht mal irgendwas zum Trinken gab’s. Daher sind wir losgezogen, um außerhalb fündig zu werden. Ein 30-minütiger Fußmarsch zum HollydayInn schafft Abhilfe. Den Bauch wollen wir uns gründlich vollschlagen. Es gelingt. Wir haben 20 Stunden Zugfahrt vor uns! Von Ürümqi nach Lanzhou soll uns die hardseater Reservierung bringen. Liegewagen ist schon lange ausgebucht. Das wird wieder mühselig! So wie schon auch vorgestern. Immer wieder spannend, ob alles klappt. Zunächst geht’s durch die Sicherheitskontrolle. Das Gleiche zweimal, weil wir fälschlicherweise zuerst in den Ankunftsbereich geraten sind. Da durften die Räder noch zusammengebaut durchgeschoben werden. Also wieder zurück und mit Rad, Gepäck und Rolltreppe hoch in den Abfahrtsbereich. Hier müssen die Räder verpackt werden. Nur was durch den Gepäckscanner geht, darf mit. Da durch, quatscht uns ein Herr mit Gepäcktrolly an. Ein Bahnhofsdienstmann!, so wie auch der Aloysius einer war. Er bringt den ganzen Kram zum Zugeinstieg. Er hingegen überlebt und schiebt 13 € reicher ab. Wohl aber nicht ins 

Hofbräuhaus. Obwohl! In Almaty (Kasachstan) bin ich an einem Hofbräuhaus vorbei geradelt. Unsere Räder finden wieder ordentlich Platz in einer Gepäcknische. Bisschen schlechtes Gewissen hab ich schon. Bei der letzten Zugfahrt war es so voll, dass auch in diesen Gepäcknischen Menschen kauerten. Wunderte mich nicht, dass sofort nach Öffnung der Zugangskontrolle, einige losrannten. Wollten sich wohl den besten Nischenplatz sichern. 

Wie auch immer! Die Zugangskontrolle zum Bahnsteig läuft gut, organisiert von zackig resoluten Damen. Mit Megafon wird zur Gänsemarschaufstellung aufgerufen. Wer sich vordrängeln mag, fliegt nach hinten in die Schlange. 

Rückblende, gestern nach Ankunft in Ürümqi: wir hatten gleich schon am Bahnsteig begonnen unsere Räder zusammenzusetzen. Wir waren die letzten Fahrgäste am Bahnsteig. Eine bissige Schaffnerin will aufräumen und steht direkt neben Petra und dröhnt ihr durchs Megafon chinesische Aufforderungen. Lustiges Bild! Wie im Comic. Hätte sie sich nicht gestern die Haare zum chinesischen Bubikopf scheren lassen, wäre der Schopf nach hinten gewächelt. Aber doch wird klar verständlich, der Zug darf erst losfahren, wenn der Bahnsteig leer ist. Angespornt setzten wir hurtig unser Tun fort und eilen schnell dahin (Ende Rückblick).

Aber irgendwie optimal organisiert das Ganze. Muss wohl sein, um die Massen zu bändigen. Und ich find’s pfiffig. Die Reisepassnummer ist mit dem online gekauften Zugticket (meine Gattin, die ÖPNV-Spezialistin hat’s wieder perfekt gemeister*int) verknüpft. Der Ausweis wird gescannt und das Türchen öffnet sich. Wie nach einem Startschuss wetzen wieder Einige. Wir haben aber reservierte Plätze ergattert (deshalb mussten wir in Ürümqi auch übernachten).

Los geht’s, auf unsere billigen und für eine 1600 km lange und 20-stündige Reise komplett ungeeigneten Sitze (mags nur noch mal erwähnen und damit Unbehagen nochmal äußern) durch den nördlichen Rand der Taklamakan-Wüste, und durch die Tengger- und Badain-Jaran-Wüste, vorbei an tausenden von Windrädern. Hab mal im Netzt nachgeguckt: 

Stand 2023/2024

Laut ChatGPT hat China 196.000 Windräder. 

Laut Deep Seek hat China 300.000 Windräder. 

Und 1,412 Milliarden Einwohner

Deutschland hat 30.400 Windräder

und 84 Millionen Einwohner

Laut ChatGPT hat Deutschland 2,6 mal mehr. 

Laut Deep Seek hat Deutschland 1,7 mal mehr.

Diesmal haben sitzen wir in der Zweiersitzreihe und ich zum Gang hin. Das ist mir recht, so kann ich ab und zu mal aufstehen. Uns gegenüber, am kleinem Tischchen, sitzt ein junges Pärchen, drücken sich gegenseitig Pickel aus und kiffeln und knarzen an einer ewig großen Sonnenblumenkerntüte, hin. Kern zwischen die Zähne, knack, und Schale ausspucken. So geht’s die ersten 100 km dahin. Im Umkreis mehrere Smartphone-Benutzer, die sich schamlos und in voller Lautstärke mit Filmchen oder Clips von der beeindruckenden Landschaft ablenken wollen. Oder Einige telefonieren lange lauthals. Zur Abendessenszeit pilgern viele im Slalom und Hürdenlauf über die in den Gang gestreckten Beine der Sitzenden oder Lümmelnden mit ihren bunten Trockennudelnschachteln zur Warmwasser-Entnahmestelle am Ende des Waggons. Um dann mit Hilfe von Stäbchen die Nudelsuppe schlürfend einzusaugen. Auch die leckeren Snacks, kalte Hühnerbeine zum Abnagen in Plastikbeuteln (so Chipstüten), ist als Zwischendurchmalzeit gerne üblich. Und noch so dies und das, was knuspert und knatscht zur Nahrungsaufnahme, findet Eingang zu meinem Geruchs- und Gehörsinn. 

Irgendwann steigt das Pärchen aus und ein Reservierungsloser hockt sich und hört sich dann gleich lange in „laut“ irgendwas an. Genauso zwei Andere rechts von mir. Diesmal aber bin ich prepariert, hab Ohrstöpsel dabei. Aber zunächst noch, noch garnicht müde werdend, beschalle ich mich mit Köpfhörermusik und blicke in die vorbeiziehende abwechslungsreiche Landschaft. In der Ferne rechts und links ein Gebirgszug. Und ein Berg davon hat sogar eine Schneekappe. Mal ist’s steppig und mal ist’s felsig. Super Lichtstimmung. Irgendwo in den Bergen stehen Gewitterwolken. Der Typ gegenüber von mit, der Reservierungslose, ist mir nich so ganz sympathisch. Hat’s verscherzt durch laute Händybenutzung. Und wenn ich meine Beine mal irgendwie zur Seite stecke, hat er sofort seine Haxen bis unter meinen Sitz gestreckt, so dass ich mein Beine in den Gang platzieren muss, darauf achtend, dass keiner der Suppenbalanzierenden darüberstolpert. Und außerdem ist der Typ mir etwas unheimlich. Hat was von Norman aus dem Film Psycho.