Los geht von Peking wieder weg. Qingdao ist das Ziel. Die Bierbrauer-Stadt (das Tsingtao Bier wird dort nach dem bayerischen Reinheitsgebot seit 1903 gebraut) liegt am Meer und es gehen dort wohl Schiffe ab, die uns nach Süd-Korea bringen sollen. Der einzige Weg, wenn man nicht über Nord-Korea reisen möchte. Wollen wir nicht. Petras Magen erlaubt, dass mit den Beinen wieder in die Pedale getreten werden kann. Sachte soll‘s losgehen. Tut’s auch. Es ist ein gemütliches Treten durch Peking und schon bald erreichen wir den Kaiserkanal.
Der ist der längste angelegte Kanal der Welt. Und schon vor 1400 Jahren wurde er fleißig buddelnd mühsam erbaut, verband die Hauptstadt Peking mit dem Süden. Und weil hier alle noch ganz stolz auf den Kanal sind, ist auch ein hübscher Flanier- und Radweg angelegt, der auch durch Parks führt.
Durch Pekings Straßen, wie auch durch alle Straßen, die wir in chinesischen Großstädten beradeln, ist‘s easy für Radfahrer. Sind ja selbst alle oft mit Zweirädern unterwegs. Meist kleine Elektromofas. Beladen zwischen 1 und 4 Personen. Eine/r fährt, der Rest der Passagiere guckt ins Handy. Und oft auch der/die Lenker/in. Es gibt überall einen extra Fahrstreifen für Kleinverkehr wie E-Roller und Tuck-Tucks. (der Begriff Tuck-Tuck ist irreführend. Alle haben E-Antrieb und nix tuckert. Surrt eher. Eventuell würde Surr-Surr passen). Trotzdem muss man recht auf der Hut sein und darf nicht sorglos und unbedarft dahintreten. Der Fahrstreifen wird recht misshandelt. Da sind zuerst die flitzenden Food-Lieferdienst-Typen auf ihren etwas flotteren E-Rollern. Alle solche Raser sind vermummt. Wohl weil Verkehrsrowdys an jeder Straßenkreuzung geknipst und das Gesicht analysiert wird. Angeblich bekommt der Erkannte dann besuch von der Polizei und muss Strafe zahlen. Die Typen sind nervig, rasen gegen die Fahrtrichtung und steuern direkt auf einen zu. Oder quetschen sich zwischen mich, mit meinen breiten Packtaschen, und den Mofamiezen (der etwas sexistische Begriff ist von Petra! Nämlich! Schlimm genug dass ich’s hinschreibe), die schlingerig und ohne Wahrnehmung der restlichen Welt verträumt ins Handy starren oder hineinsäuseln. Oft steht eine auch mitten auf der Fahrbahn und guckt oder quatscht. Die älteren Damen rollen auch oft munter und fröhlich quasselnd auf ihren Dreirad-Caprios nebeneinander, unbeeindruckt vom Umfeld, dahin. Da kommt auch schon mal ein Auto, ganz selbstverständlich und hupend von hinten oder gegen die Spur daher. Stören tut’s keinen, außer mich. Ich bin’s noch gar nicht gewohnt. Alles fließt wie im Fluss oder bei Gegenströmung dahin und umeinander rum. Vorfahrtsregeln gibt’s nicht oder gelten nicht. Wie selbstverständlich biegen Autos und LKWs auf meine Spur, wenn ich daherkomme und ich muss bremsen. Ganz klare Sache: für die anderen Verkehrsteilnehmer. Auch die E-Roller-Lieferdienst-Rowdies sind die, die ungeachtet jeglicher anderen Personen, über Gehwege rasen – meist noch mit Blick auf das Telefon. Aber irgendwie kommt man schon vorwärts, ich auch. Es scheinen alle telepathisch in Verbildung zu stehen und jeder weiß, wo alle Anderen gerade sind. Das ständige Hupen kann‘s nicht sein, das die Klarheit bringt. Denn jeder hupt ständig. Bei mir läuft der Verkehrsfluss noch nicht instinktiv und ich muss recht achtsam sein. Und auch achtsam darauf, dass es mich nicht nervt. Nerven tun mich aber arg, die riesigen Sattelschlepper. So manch einer ist wohl losgezogen und hat sich anstatt der ohnehin schon lauten Hupe, eine Fanfare gekauft. Die mag er jetzt oft und stolz, nutzen. Ab und zu stelle ich mir vor, einen der Fanfaren-Freunde mal aus seinem Fahrerhaus zu lozen, vor sein Gefährt zu platzieren und dann mal schnell ins Führerhaus zu springen und ihn ordentlich volldröhnen. So dass er mal hört, wie‘s wirkt. Dann soll er all seinen Kumpels sagen, dass das doof ist, ständig zu hupen. Und dann, dann schäppern die riesigen Gefährte beim Drüberdonnern über jedes kleine Schlagloch. Und es gibt Viele, ganz Viele: Schlaglöcher und Monster-LKWs.
Aber! Dann doch nur halb so wild. Mit dem elektronischen Kartenmaterial im GPS finden wir meist Umwege auf kleinen Straßen. Die gibt’s überall/meistens. Ansässige wollen ja auch schön geruhsam zu ihren Felden und Nachbarn kommen. Oder gefahrlos und gemächlich zum Rentnertreff. Oft geht es eben doch sehr schön den Flusslauf entlang, unter Alleebäumen dahin. Da schuckeln ältere Paare in ihren Dreirad-Cabrio-Pickups zum geselligen Rentnertreff. Der, der noch am fittesten von den Beiden ist, lenkt. Der Andere lässt sich gemütlich, auf einem Stühlchen sitzend nach hinten blickend, durch die Gegend schaukeln. Oder sitzt sichtlich genüsslich im Fond, meist mit Strohhut oder großen Schirmhütchen. Ab und zu dürfen auch ein oder zwei Enkelkinder mit. Und dann gibt es noch das etwas ältere Einkindpolitik-Elektro-Dreirad. Da haben drei Platz. Moderner und der Nachwuchspolitik angepasst, sind schicke kleine E-Viersitzer.
Der Rentnertreff ist oft recht bevölkert und findet bevorzugt unter Brücken statt. Da ist es schattig und kühlender Wind wächelt durch. Da werden dann Brettspiele gespielt, dabei zugeguckt, musiziert, gemeinsam Karaoke gesungen und sogar eingeübte Performance-Tanzaufführungen mit abwechselnden Gruppen, scheulos, aufgeführt. Oder es hat sich wieder eine Aerobic Gruppe gebildet. Immer was los bei den Rentnern hier. Klar! Die größeren Städte sind mit Wohnblocksilos massiv bestückt. Da mag so manche/r nicht allein hocken. Oder aus den kleinen Dörfern ein wenig raus ins Grüne, raus aus den meist nicht so ansprechend und nicht so sauberen Dörfern. Dort sind die Straßen noch voller Schlaglöcher, Dreckpfützen und Müll flackt rum. Manchmal beeinträchtigen auch Gerüche das Wohlbefinden.
Einmal, just nach einem Regenguss, wurde die Straße, wegen Baustelle, für mich zur Schlammgrube. Die Reifen voll zugeschlammt blockiert und die Sandale tief im Morast. Nur Petra konnte mich und meine Sandale retten. Die Schlaue ist daneben vorbei geschoben. Und ein weiterer Regenguss hat uns ausgebremst. Die Dorfstraßen sind innerhalb von Minuten 15 cm unter Wasser. Keine Kanalisation. Da kann nix ablaufen, die Schlaglöcher sind unsichtbar und dann versinkt man schon mal 30 cm abrupt und überschlägt sich fast. Nur die gute Bodenhaftung wegen Übergepäck, schützt vor einem Bad im nicht ganz so sauberen Straßenwasser.
Der Kaiserkanal-Weg ist entweder nicht durchgängig, oder wir haben ihn verfehlt. Oder er verästelt sich. Jedenfalls sind wir auch schon mal abwegig und unachtsam in die falsche Richtung getreten. Im Laufe, der bis jetzt 850 km, sind wir aber immer wieder auf schöne Kanalwege gestoßen. Oft auch schon touristisch ein wenig ausgebaut oder im Werden. Jedenfalls gibt es entlang mancher Strecken super glatt asphaltierte Straßen, die sich dem Fluss entlangschlängeln. Teilweise auch schon schön gestaltete Rastplätze mit sehr schönen Malereien an Häuserwänden. Was aber noch eindeutig fehlt, sind gemütliche Rastplätzen mit Espresso-Bar, Kuchenbüffet und Eisdiele oder Biergärten (ich träume gerade ein wenig davon). Gibt’s alle bisher überhaupt nirgendwo. Unsere Rastplätze sind oft ungemütlich, auf Mäuerchen oder Treppenstufen neben dem oft nicht ganz so sauberen Kramerladen. Bin dann ganz froh, dass meine Kekse, Küchelchen und Snickers (selten) fest in Plastik verpackt sind. Aber zahlreiche Pausen sind nötig. Es ist toujours heiß und schwül. Der Körper ist in der Regel feucht benetzt und glitschig. Kühlflüssigkeit muss ständig nachgekippt werden. Bevorzugt kühler Orangensaft. Und tatsächlich bringt wenigstens der Fahrtwind meist Erleichterung und Kühlung. Aber auch die versagt an machen Tagen, wenn die Luftfeuchtigkeit bei knapp 100% angekommen ist. Im Radio kommt bei uns daheim an solchen Tagen der Hinweis, dass ältere und anfällige Personen körperliche Anstrengungen meiden sollen. Hier warnt mich keine Durchsage, ganz im Gegenteil – ich muss weitertreten. Meist sind es zwischen 85 und 100 Kilometer am Tag. Aber es geht flach dahin, das ist gut. Landschaftlich zwar nicht immer anspruchsvoll (z.B. große Maisfelder), aber machbar.
Es sind ja doch einige Tage die wir so durch das Land treten. Da mag auch schon mal der eine oder andere Pausentag Abwechslung bringen. Auch wird dir Strecke mehrmals angepasst. Entdecken wir was Interessantes und ein lohnenswertes Ziel, wird umgeplant.
Tagesablauf
So ein Radltag beginnt etwa um 7 Uhr mit Morgensport (jahhaahaaaa, immer noch machen wir, seit der Türkei, fleißig Morgensport!), Frühstücken (ungewohnt, aber man findet was), Packen, eventuell noch die feuchten Klamotten föhnen, und so etwa um 9 los. Dann radeln, Trinkpausen, radeln. Mittags etwas längere Pause mit, natürlich, viel Trinken und Keksen oder mal auch Obst, wenn‘s gerade was hat. Meist versäumen wir an den zahlreichen Straßenständen vor den Ortschaften Banane oder Pfirsiche zu kaufen. Dann weiter treten und trinken. Sind die Pausenabstände zu lange, etwa weil keine Getränkebude mit Kaltgetränk in Sicht ist, wird’s auch schon mal mühselig. So gegen 17 Uhr wird nach einer Stadt mit Hotel gesucht. Nicht überall hat es Hotels, nur in den größeren Städten werden wir fündig. Da gibt es ordentlich Auswahl. In Kleinstädten gibt’s oft kein Hotel oder unter Mindestniveau. Bevorzugt ist die HolidayInn Kette oder das Beste. Ist nicht gerade ein Superduper-Hotel für Könige und Präsidenten am Ort, fällt unsere Wahl dann oft im höheren Segment aus. Das kostet dann mit Frühstück so um die 25 bis 30 Euro, für Beide. Das geht! Und der Luxus ist angenehm. Es ist schon hübsch, wenn man verschwitzt und ermattet in eine schöne Dusche treten kann und ein hübsches Bettchen hat. Dort gibt’s oft Kaffee und eine breitere Auswahl zum Frühstück. Das Zimmer sollte möglichst über 20 qm haben (lieber mehr, weil die Räder oft mit aufs Zimmer kommen), und möglichst getrennte Betten. Es schläft sich bei der Hitze bequemer, weil man seine eigene Bettdecke hat, die man unabhängig dorthin schieben kann, wohin man möchte und nicht mit der gemeinsamen Decke rummzoppeln muss.
Im Hotel angekommen wird gleich geduscht und Wäsche gewaschen. Dann geht’s ab zum Futtern. Liegt das Hotel nicht im Bereich, wo viele Restaurants in der Google-Suche angezeigt werden, fahren wir mit der Taxe hin. Dafür gibt’s die App DiDi. Man gibt an, wohin man will und 2 Minuten später kommt dann Einer und bringt uns hin. Bezahlt ist dann auch schon gleich automatisch. Das kostet dann zwischen 0,5 und einem Euro. Mit‘m Essen sind wir noch wählerisch. Das Lokal muss schon einen sauberen Eindruck machen und eine bebilderte Speisekarte soll schon eine ungefähre Idee vom möglichen Essen geben. Gibt’s im Ort einen McDonalds, lechze ich dorthin. Leider selten. Essen mit Stäbchen geht mittlerweile so lala. Wenn eine Gabel greifbar ist, ist’s besser. Ich hab zwar eine Gabel, die vergesse ich meist im Rucksack. Und wenn ich sie mal dabei habe, vergesse ich sie auf dem Teller. Bis jetzt wurde sie mir immer vom Personal im Laufschritt nachgetragen. Bin gespannt wie lange ich die noch hab. Mein toller Plastiklöffel ist schon weg. Ich sollte mir das Besteck umhängen, so wie Kindergartenkinder ihre Handschuhe.
Nach dem Abendessen flanieren wir, wenn möglich und noch nicht zu kaputt. Manche Städte haben einen Park oder einen größeren Platz im Zentrum. Da ist immer was los! Alle treffen sich dort zum Abendfetz oder schlendern. Zahlreiche Essensstände bieten seltsame Sachen an. Es bilden sich spontan oder organisiert Aerobicgruppen, Karaoketrüppchen, oder auch mal Trommler mit Riesentrommeln und Beckenschlägern. Jeder der mag darf mal trommeln. Wir werden auch dazu eingeladen. Die Anderen können‘s aber besser. Wo wir gehen und stehen, fallen wir auf. Wie auch bei der Trommelgruppe. Wir können uns zwar nicht verständigen, aber die Gestik heißt uns herzlich willkommen. Die Freundlichkeit und die Fröhlichkeit die uns gegenüber gezeigt wird, zeigen mir dann auch gleich wieder direkt, warum ich hier in der weiten Welt unterwegs sein mag. Ich find’s toll! Oft wollen welche Selfies mit uns machen. So manch Jüngere wagen eine kleine Unterhaltung auf Englisch. Schnell wird aber dann die Übersetzungsapp nötig. Wir sind wohl für viele die ersten Ausländer, die sie live sehen. Und dann komm ich daher! Was wirft das für ein Bild auf Deguo ( 德國 Deutschland)? Manche Mädelsgrüppchen kichern auch, halbheimlich. Oder überholen mich zu zweit oder zu dritt auf den rosa E-Mofas, blicken dann überrascht, erschrocken zu mir rüber, kommen ein wenig ins schlingern und rollern dann tuschelnd und grinsend wieder weiter. Manch eine ruft dann ein fröhliches, quietschendes „Hallo“ zu mir rüber. Was sehr fehlt, sind schöne Plätze zum Sitzen, wie auf einer Piazza, in einem Café, oder so. So was hat‘s hier gar nicht!
Meist sind wir dann schon so um 22 Uhr im Bettchen. Noch etwas Lesen und dann ungemütlich schlafen. Entweder es ist zu heiß, viel zu heiß, oder die Klimaanlage zieht unangenehm.










































